| Ambrose Bierce und der Bürgerkrieg |
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| Written by Elisabeth Bronfen | |
| Monday, 18 April 2011 07:48 | |
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Ambrose Bierce: Ein literarischer Landvermesser des amerikanischen Bürgerkriegs
Nachwort zu einer vierbändigen Ausgabe der Schriften von Ambrose Bierce im Elster Verlag Vor Erschöpfung war der junge Soldat in der Nachmittagssonne auf seinem Wachposten nur wenige Meilen von seinem Heim eingeschlafen. Plötzlich aufgewacht trifft sein entzücktes Auge auf ein Reiterstandbild von beeindruckender Würde: "Die Statue des Mannes saß auf der Statue des Pferdes, straff und soldatisch, und doch ruhevoll wie ein griechischer Gott, gehauen aus Marmor, der die Andeutung von tätiger Lebendigkeit begrenzt". Zuerst zögert Carter Druse den Feind zu erschiessen, feuert dann schliesslich doch aus dem Hinterhalt. Von diesem Schuss alarmiert schaut ein Offizier seines Regiments auf den Gipfel der Felswand und erblickt seinerseits ein erstaunliches Bild: "Ein Mann auf einem Pferd ritt durch die Luft hinab ins Tal!" Diese apokalyptische Vision trifft zugleich auch den Kern jenes Familienstreits, der in den Jahren 1861 bis 1865 in Amerika als nationaler Bürgerkrieg ausgetragen wurde. Lakonisch erklärt der Gemeine dem Unionssergeant, der zu ihm getreten ist, sein Vater sei vom Felsen gestürzt. Ebenfalls an einem sonnigen Herbstnachmittag strolcht ein sechsjähriger Junge von seinem Elternhaus fort in den Wald, um mit seinem hölzernen Schwert sich einem Kaninchen im Kampf zu stellen. Plötzlich trifft er seinerseits eine apokalyptische Vision an: Ein Hehr von zermatschten und blutenden Männern, die mit fürchterlicher Ernsthaftigkeit auf Händen und Knien über die Leichen ihrer Kameraden nach vorne kriechen. Auch diese Geschichte läuft auf ein erschütterndes tableau vivant hinaus. Mit seinem hölzernen Schwert in der Hand stellt der Junge sich an die Spitze dieser zerschlissenen Gefolgschaft und treibt sie voran, bis er an der flammenden Ruine seines eigenen Heims angekommen ist. Dort trifft sein Blick den Leichnam seiner Mutter, eine anamorphotische Verzerrung des edlen paternalen Reiters vor dem Himmel: "Der größere Teil der Stirn war fortgerissen, und aus dem gezackten Loch quoll das Hirn hervor, überschwemmte die Schläfe, eine schaumige graue Masse, bekrönt von Trauben karmesinroter Bläschen – das Werk einer Granate." Auch die letzte der Soldaten-Geschichten in dem Band Tales of Soldiers and Civilians, den Ambrose Bierce knappe dreissig Jahre nach Kriegsbeginn zusammenstellt, beginnt an einem lieblichen Sonntagnachmittag im frühen Herbst. Diesmal sitzt ein junger Soldat am Fuß einer hohen Kiefer und grübelt vor sich hin. In der vergangenen Nacht hatte er auf die undeutlichen Umrisse einer menschlichen Gestalt geschossen ohne zu wissen, ob er damit wirklich einen Feind getroffen hat oder einen Kameraden, der seinen Ausruf "Wer da?" überhört hatte. Die Schläfrigkeit des Nachmittags hatte ihn überwältigt, und im Traum sah er seinen Zwillingsbruder wieder. Seit dem Tod der Eltern hatte er mit ihm keinen Verkehr mehr gehabt, weil die Verwandten, die die beiden Jungen adoptiert hatten – wie nun auch die gesamte Nation – verfeindet waren. Und auch dieser Sohn des Krieges erhält nachdem er wieder aufgewacht ist eine erschütternde Vision. Im Inneren eines kleinen Dickichts liegt "rücklings auf der Erde hingestreckt, die Arme weit gebreitet, die graue Uniform entstellt durch einen einzigen Flecken Blut auf der Brust, das weiße Antlitz scharf nach oben und zurück gedreht, sein Ebenbild!" Neben diesem Meisterwerk des Bürgerkriegs niederknien begreift er: Er hat sich selber getötet. Beim Appell im Unionslager wird auf den Namen William Grayrock keine Antwort mehr erfolgen. Pointiert bringt Ambrose Bierce in jedem dieser drei Schnappschüsse jener tödlichen Zufälle, die zu Kriegszeiten regieren, das Unheimliche des Bürgerkrieges auf den Punkt: Das Entsetzliche entpuppt sich als Umkehr des Vertrauten, der Feind als zutiefst vertrauter Mensch. Nach einem anderen Krieg, dem ersten Weltkrieg nämlich, hatte Freud postuliert, dass Unheimlichen sei das ehemals Heimische, Altverraute, welches nur durch den Prozess der Verdrängung entfremdet worden ist. Auf die geographische wie psychische Landschaft, die Bierces Geschichten aufrufen übertragen, liesse sich dieser Gedanke folgendermaßen umformulieren: Bereits 1858 hatte Lincoln bezüglich dem Streit zwischen der Union, die in den neuen Territorien die Sklaverei verbieten wollte, und den Südstaaten, die darauf bestanden, am Besitz ihrer Sklaven festzuhalten, behauptet: "Ein in sich gespaltenes Haus kann nicht aufrecht stehen". Als Antwort auf die Sezession erklärte er dann 1861 den Rebellen den Krieg in der Hoffnung, durch Gewalt diese Mitbürger umzustimmen und die Union zu erhalten. Damit hat er zugleich jene nationale Entfremdung entfacht, deren Demarkationslinie über vier Jahre nicht nur zwischen dem Norden und den Südstaaten verlaufen, sondern auch ganze Familien auseinander reissen und den Tod von über 600'000 Menschen fordern würde. Zugleich hat er, bedenkt man die lange Dauer, die überwältigenden Verluste auf beiden Seiten, den riesigen Materialeinsatz, sowie die technischen Neuerungen, die die veraltereten Kriegstaktiken besonders tödlich ausfallen liessen, den ersten modernen Krieg eingeleitet. In den Schützengräben um Vicksburg und Richmond hatte man einen Vorgeschmack auf den ersten Weltkrieg, in dem Gefangenenlager von Andersonville eine Vorausahnung der Konzentrationslager der Nationalsozialisten im zweiten Weltkrieg. Wenn nun Bierce das schreckliche Gemetzel dieses Bürgerkrieges in dunkle Schauergeschichten einfängt, in denen der Zufall Freunde oder Familienangehörige zu selbstzermürbenden Gewalthandlungen treibt, dann nicht nur um festzuhalten, wie sehr Amerika sich selber unheimlich geworden war. Er lenkt unsere Aufmerksamkeit zugleich auf einen altvertrauten Kern zwischenmenschlicher Beziehungen, der in Zeiten des Friedens gerne verdrängt wird. Stehen sowohl in den politischen wie den literarischen Debatten um den Bürgerkrieg die amerikanische Nation und die Familie für einander ein, erzählt Bierce diesen Zwist als politische Differenz, die vertraute Menschen einander Feind werden lassen. Zugleich begreift er den Krieg aber auch als Widerstreit, den das Individuum mit sich selber austrägt; als Konfrontation mit jener heimlichen Gewaltlust, von der die Vitalität des amerikanischen Traums in dessen unbegrenzter Sucht nach Selbsterneuerung immer schon zehrte. In seiner Geschichte des amerikanischen Bürgerkriegs hält Giampiero Carocci fest: "Im Bürgerkrieg traten sozusagen in konzentrierter Form als typische Aspekte der amerikanischen Psyche und Mentalität im 19. und weit ins 20. Jahrhundert hinein eine überwältigende Vitalität (die in diesem Fall den Tod hervorbrachte) und eine an Brutalität grenzende Gewaltbereitschaft hervor". Erst auf den Ruinen verbrannter Häuser, zerstörter Städte und blutiger Schlachtfelder konnte eine wieder vereinigte Nation errichtet werden, die jene von der amerikanischen Verfassung proklamierte Forderung nach Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit tatsächlich umsetzte. Als hätte das Land dieses Selbstopfer nötig gehabt, weil es einen wesentlichen Teil seiner Bevölkerung – die Schwarzen nämlich – als gleichberertigte Mitbürger übersehen hatte. Doch wenn dieser erste moderne Krieg, der sich über das gesamte Land ausbreitete und in unterschiedlichem Maße alle gesellschaftlichen Gruppen mit einbezog, der Wendepunkt für die Wiedergeburt eines Amerikas war, dass sich erfolgreich vom Makel der Sklaverei befreit hatte, so war er auch das entscheidende Erlebnis, welches Ambrose Bierce zum Schriftsteller werden liess. In seiner Biografie hält Roy Morris fest, dessen Bedeutung als Schriftsteller läge allein darin begründet, "dass er als erster Amerikaner Zeugnis abgelegt hat von der modernen Kriegsführung und der grausamen Banalität des Sterbens" (438). Ein Vorläufer von Wilfred Owens und Robert Graves, die den mechanisierten Massentod des ersten Weltkrieges in poetische Bilder einfangen würden, wie auch der Kriegsberichte seiner Landsmänner Ernest Hemingway, Kurt Vonnegut und Michael Herr, hat Bierce drei Jahre und 9 Monate die Gräuel des Bürgerkrieges am eigenen Leib erfahren. Sohn armer Farmer war er am 24 Juni, 1842 in Horse Cave Creek, Ohio geboren und im Alter von vier Jahren nach Koscuisko County in Indiana gezogen. Dort ging er bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr in Warsaw in die Schule, arbeitete anschliessend als Setzerlehrling in einer Abolitionszeitung, verliess diese Stellung jedoch bald wieder, um die Militärakademie in Franklin Springs, Kentucky zu besuchen. Als zweiter Freiwilliger in Elkhart County folgte er nach der Belagerung von Fort Sumter Abraham Lincolns Ruf zu den Waffen und trat im April 1961 ein in die Kompanie C, Neuntes Indiana Regiment unter Robert H. Milroy. Er war bei allen großen Schlachten des westlichen Feldzugs dabei gewesen: Shiloh, Stone River, Chickamauga, Missionary Ridge, Franklin, Resaca und Pickett's Mill. 1863 war er zum Oberleutnant befördert und als Vermessungsoffizier dem Stab von General William Babcock Hazan zugeteilt worden, um das Land für anstehende Schlachten zu kartografieren. Während einer dieser Expeditionen wurde er bei Kennesaw Mountain durch einen Scharfschützen am 23 Juni 1864 am Kopf getroffen. Zwar konnte er sich mirakulös von dieser Verwundung wieder erholen und kehrte im Herbst in den Krieg zurück, musste aber aufgrund anhaltender Schmerzen am Anfang des nächsten Jahres um Entlassung aus der Armee bitten, nur wenige Monate vor General Robert E. Lee vor Richmond an General Grant kapitulierte. Seine ursprüngliche Begeisterung für den Krieg, die er mit zahlreichen Kameraden teilte, hatte sich zwar spätestens bei der Schlacht von Shiloh in Ekel und Ernüchterung gewandelt. Nachdem er in San Francisco zum berüchtigten Stadtschreier geworden war, der die politische Korruption und wirtschaftliche Gier der Nachkriegszeit in seinen Kolumnen gnadenlos polemisch attackierte, kamen ihm die Erinnerungen an die Schauplätze seiner früheren Schlachten jedoch so nachhaltig wieder, dass er sich an den bis zu diesem Zeitpunkt blutigsten Kriegsschauplatz in der Geschichte Amerikas im Geiste zurück versetzte. In "Was ich in Shiloh gesehen habe" fasst er mit detaillierter Präzision die Verwirrung im Kampf, die Schreie der Sterbenden, die Berge an Leichen in mitten der betörend schönen Frühlingslandschaft Tennessees am 6. und 7. April 1862 in Worte. In diesem offenkundig subjektiven Bericht, dem persönlichsten all der Kriegsbeschreibungen die darauf folgen werden, bringt Bierce die furchtbare und zugleich inspirierende Heimsuchung der Vergangenheit auf den Punkt. Am Ende seiner Schilderung der Gräuel der Schlacht und dem makabren Anblick der verkohlten Leichen, die auf dem Schlachtfeld lagen nachdem zuerst der Feind und dann ein Waldbrand dort gewütet hatte, findet sich eine wehmütigen Preisung der Ausnahmesituation dieses Krieges: "Und das ist oh so lange her! Wie sie sich wieder einstellen – undeutlich und gebrochen, aber mit welcher Zaubermacht – diese Jahre meiner Soldaten Jugend! Wieder höre ich das ferne Tirilieren der Hörner. Wieder sehe ich den hohen blauen Rauch von Lagerfeuern aus den verschwommenen Tälern des Wunderlands steigen". Mit seiner Mischung aus unverfrorener Direktheit und Nostalgie stand Bierce quer zu der Art, wie man in der Nachrkriegszeit, die aufgrund des wirtschaftlichen Wachstums mit seiner extravaganten Darbietung von Reichtum Gilded Age genannt wurde, das blutrünstige Abschlachten wieder zu entschärfen suchte. War man anfangs auf das Ausmaß an Zerstörung nicht vorbereitet gewesen, weil man dachte, der Krieg würde nur drei Monate dauern, dann darüber erstaunt, wie die Kriegsgewalt von Schalcht zu Schlacht hartnäckig eskalierte, wollte man nach der Kapitulation des Südens den unermesslichen Verlust am Menschen und die Zerstörung einer gesamten Lebensweise so schnell wie möglich wieder verdrängen. Die quälende Realität des Zermürbungskrieges zwischen General Grant und General Lee, sowie der grausame Marsch Shermans durch Georgia, der wörtlich eine Wunde durch die Landschaft riss, wurde bald dem kapitalistischen Optimismus der Zeit angepasst und in militärische Hagiographien über Schlachten und große Männer des Bürgerkrieges, sowie sentimentale Romane umgeschrieben. In den Geschichten, die auf seinen Augenzeugenbericht von Shiloh folgen (zuerst vorwiegend in der Sonntagsbeilage des San Francisco Examiners veröffentlicht), bedient sich Bierce hingegen explizit einer Rhetorik des Unheimlichen. Das verdrängte Wissen um die vitale Gewaltbereitschaft, die vom Bürgerkrieg entfacht worden war, sollte wieder ins Blickfeld der Amerikaner gerückt werden. Dabei geht es ihm weder um eine Verklärung dieses Zerstörungswillen noch um eine Anklage. Vielmehr sucht der ehemalige militärische Kartograph gelassen jene emotionalen Zustände nachträglich zu vermessen, die sich im Krieg einstellen: Die Zufälligkeiten und Gleichzeitigkeiten, die Verwirrung der Sinne und die Fehleinschätzung der Situation, die oft fatale Folgen mit sich bringt. Dabei ist das Wunderland, welches in seiner Erinnerung wieder aufsteigt, zwar explizit eine Nachempfindung und zudem ein literarisches Gebilde. Dennoch ist Bierce daran gelegen, den Krieg als unheimlichen Mitbewohner des Friedens zu verstehen. Der Krieg ist keine fremde Kraft, die eine Nation plötzlich ergreift, sondern mit ihrem Gewebe unweigerlich verstrickt. Er ist aus dem Frieden nicht weg zu denken. In seinem Teufels Wörterbuch nennt Bierce ihn ein "Nebenprodukt der Friedenskünste." Das römische Sprichwort "Wenn du Frieden willst, rüste zum Krieg", erklärt er, " hat eine tiefere Bedeutung als allgemein wahrgenommen; es besagt nicht nur, dass alles Irdische ein Ende hat – dass Veränderung das einzig unveränderliche und ewige Gesetz ist -, sondern auch, dass die Scholle des Friedens dicht mit dem Samen des Krieges besät und seinem Aufkeimen und Gedeihen ausserordentlich günstig ist". Vordergründig geht es Bierce darum, ein elementares Misstrauen gegenüber politischen Beteuerungen ewiger Freundschaft zu loben. Zugleich lässt sich seiner eigenwilligen Deutung aber auch der Gedanke abgewinnen, selbst in Zeiten des Friedens darf man denn Willen der Menschen zum Krieg nicht verdrängen. Der Widerstreit wohnt der Freundschaft als unheimlicher Kern inne, von je her altvertraut, aber durch die Verdrängung ziviler Politik entfremdet. Entscheidend an der Mahnung, zu Friedenszeiten den Krieg nicht aus dem Bewußtsein auszublenden, ist jedoch auch Bierces' subjektive Einschätzung seines eigenen Überlebens. Auch wenn er von dem Kopfschuss, den er bei Kennesaw Mountain erhalten hat, mirakulös wieder kuriert werden konnte, war er nachträglich davon überzeugt, er hätte einen Teil seines Selbst auf den Schlachtfeldern des Südens zurück gelassen. Einem Freund erzählte er nach dem Krieg, "Wenn ich mich frage, was aus dem jungen Ambrose Bierce geworden ist, der in Chickamauga gekämpft hat bin ich geneigt zu antworten, er ist tot. Ein kleiner Rest lebt in meiner Erinnerung fort, aber die übrige Person ist tot und ausgelöscht". Überleben entpuppt sich als eine Art Geisterexistenz in doppeltem Sinn. Zum einen wirkte das Amerika der Nachkriegszeit mit dessen brutalem Gewinnstreben und ostentativer Darbietung von Wohlstand auf ihn fremd. Die scharfen, böszüngigen Polemiken seiner Kolumnen lassen erkennen, wie sehr er sich in der Rolle des Unbeheimateten gefiel. Zum anderen war ihm aber auch sein Leben als Stadtschreier San Franciscos deshalb fremd, weil seine Imagination durch Erinnerung an eine frühere Existenz durchsetzt war, die ihn als unheimlicher Doppelgänger seiner selbst hartnäckig heimsuchte. So erscheint es nur folgerichtig, dass er für seine Erzählungen über den Bürgerkrieg in ein anderes Genre, das der Spukgeschichte, überwechselt. Es ist zwar ein Gemeinplatz den Horror des Krieges auf die begründete Todesangst der Soldaten sowie der ubiquitären Zerstörungsmachinerie zurück zu führen. Doch Kriegsgeschichten sind auch in dem Sinne Horrorgeschichten als jeder Soldat in der Leiche eines erschlagenen Feindes zwar das eigene Überleben festmachen kann, zugleich aber auch darin ein memento mori erkennen muss: Der Tod hätte auch ihn treffen können, er wird ihm womöglich morgen zuteil. Der Horror, den Bierce in seinen Erzählungen aus dem Bürgerkrieg erzeugt, besteht zudem auch darin, dass er den Zufall, mit dem der Tod auf dem Schlachtfeld jeweils eintritt, nicht auflöst. Es gibt in seinen Geschichten keine Vorsehung und kein Schicksal, nur die Entgeisterung über das ubiquitäre Streben und das Erstaunen, dass man beim Töten des Feindes, weil er der ehemalige Freund war, immer wieder zu sich selber zurück geführt wird. Bierces Kriegserzählungen entpuppen sich als Geschichten einer Heimsuchung in doppeltem Sinn. Weil seine Geburt zum Schriftsteller mit der Heimsuchung durch die Erinnerungen an das Wunderland seiner Soldatenjugend im Engsten verbunden ist, sucht er dieses verlorene Heim erneut auf. Die Welt des totalen Krieges, die er in seinen Geschichten kartografiert, ist ihrerseits eine vielseitige Geisterwelt, befinden sich die Soldaten doch in einer liminalen Zone zwischen Leben und Tod: Abseits vom normalen Alltag verweilen sie noch nicht bei den eigentlichen Toten. Konkret bezieht sich die von Bierce kartografierte geisterähnliche Kriegslandschaft auf den Umstand, dass im amerikanischen Bürgerkrieg weitaus mehr Soldaten an Verwundungen starben als im Gefecht. In den Erinnerungen der Kriegsveterane waren die Schreie derer, die noch auf den Tod, der ihnen sicher war, warteten – ob auf dem Schlachtfeld oder im Lazarett – besonders ausgeprägt. Auch lässt sich der Vergleich der Kriegslandschaft mit einer twilight zone darauf zurück führen, dass aufgrund der ungeheuren Menge an Toten, die Lebenden oft – wie in den Kriegsfotografien von Matthew Brady zu sehen ist – wörtlich über Leichen steigen mussten, um sich vorwärts zu bewegen, oder zwischen den toten Kameraden Schutz vor dem Kugelhagel des Feindes suchten. Als literarischer Landvermesser der Schauplätze des Bürgerkriegs zeichnet Bierce in seinen Geschichten die imaginäre Landkarte einer vergangenen Zeit als unheimliche Zone zwischen Leben und Tod. Seine Figuren sind in einer wunderbaren twilight zone, in der für einen kurzen Augenblick Raum und Zeit aufgehoben werden können. In seiner berühmtesten Geschichte "Ein Vorfall an der Owl-Creek-Brücke" steht ein Spion der Rebellen auf einer Eisenbahnbrücke und wartet darauf, durch den Strang hingerichtet zu werden. Plötzlich glaubt er durch die Brücke zu stürzen, wird vom Strudel erfasst und gelangt ans Ufer des Flusses. Den ganzen Tag und die ganze Nacht wandert er durch den Wald. Wie aus einem Delirium erwacht, gelangt er schliesslich im hellen Morgensonnenschein nach Hause. In dem Augenblick, in dem er seine Frau, die ihm von der Veranda "frisch und kühl und lieblich" entgegen kommt, umarmen will "fühlt er einen betäubenden Schlag im Genick; ein blendendes weißes Licht flammt um ihn her mit einem Dröhnen wie der Abschuss einer Kanone – dann ist alles Dunkelheit und Stille". Ambrose Bierce lässt seinen Plantagenbesitzer zwei Mal sterben. Die Vorstellung, heim zu kehren, findet im Intervall zwischen diesen beiden Toden statt – zwischen einer Erwartung des Todes und dessen physischem Vollzug. Es ist ein vieldeutiges Sinnbild. Die Umarmung der Frau, die für jenes Heim einsteht, in dessen Namen beide Seiten verbittert kämpfen, ist zugleich auch die Umarmung des Todes. Der Wunschtraum, dem Tod durch Zufall entkommen zu sein, lässt sich aber auch als Chiffre für das Widergängertum der Überlebenden lesen. Das Amerika der vergoldeten Nachkriegszeit, in das die Veterane aus dem Schlachtfeld heimgekehrt waren, war für Bierce eine Traumwelt, die er als überlebender Toter heimsucht. In seinen Geschichten ist die vergangene Zeit aber auch in dem Sinne aufgehoben als sie aufbewahrt worden ist. Die späteren Kriegsgeschichten nehmen mit Vorliebe die Haltung des Geistersehers ein. Orientierungslos blickt ein Soldat in der Morgendämmerung um sich. Er kann nicht recht verstehen, warum die Felder ringsumher kein Zeichen von Krieg und Kriegsverwüstung erkennen lassen. Erst nachdem er ein verwittertes Denkmal erblickt, das den zu Stones River am 31. Dez. 1862 gefallenen Soldaten gedenkt, begreift er seine unheimliche Lage. Er gibt das Leben auf, das ein anderes Leben überdauert hat: Auch dies eine Chiffre für das Widergängertum derer, die den Krieg überlebt haben. Bierces imaginäre Vermessung der Landkarte des Krieges, die dicht unter der Oberfläche des Friedens lauert, ergibt natürlich auch die gegenseitige Heimsuchung. In einer Geschichte erblickt ein Oberst der Union in seinem Hotelzimmer, das während der Belagerung von Atlanta die Leichenkammer des Lazaretts war, nochmals die Toten, für die er indirekt mit Schuld trägt. In einer anderen kehrt ein Kavallerist der Unionsarmee, der sich mit seiner Familie überworfen hatte, weil diese den Südstaaten treu geblieben war, nach Kriegsende in die Gegend aus der er stammt zurück und erhält einen Urlaubsschein, um seine Familie zu besuchen. Dort tritt ihm der Vater entgegen, blickt ihn regungslos an und kehrt ihm ohne ein Wort zu sprechen den Rücken zu. Auch seine Mutter und seine Schwester gehen an ihm vorbei, ohne ein Zeichen des Erkennens. Am nächsten Morgen erfährt er, dass bei den Kämpfen vor einem Jahr eine Unionsgranate seine gesamte Familie getötet hatte. Die Pointe der Geschichte liegt jedoch weder allein darin, dass dem Sohn die Geister seiner verstorbenen Familienmitglieder erscheinen, weil er an ihrem Tod unwillentlich und unwissentlich mit Schuld ist. Noch dass die Toten an dem, der sie überlebt hat, kein Interesse haben, weil er das, was sie erlebt haben, weder verstehen noch vorstellen kann. Die Pointe besteht auch darin, dass dieser Bericht eines Geistersehens ebenfalls einem Verstorbenen entstammt. Die Erzählung entstand aus seinem mündlichen Bericht, nachdem Barr Lassiter "dem Sergeanten, dessen Name Tod ist, mit 'Hier' geantwortet" hat. In "Zeitgemässes über Krieg und Tod" hat Freud, ein Jahr nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges ebenfalls das berüchtigte römische Sprichwort umzudeuten versucht: "Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein". Für den Kriegsveteran Ambrose Bierce bedeutete dies: Er konnte das Leben aushalten, in dem er sich mit seinen Erinnerungen an den Tod, den er im Schlachtfeld erfahren hatte, einzulassen bereit war. Jedoch ging es ihm nicht nur darum, sich auf den Tod, der für den Lebenden noch kommen wird, einzurichten, sondern auch auf die Verantwortung den Toten gegenüber, die man überlebt hat. Der erste literarische Text von Bierce über den Bürgerkrieg, in dem er in Worte fast was er in Shiloh gesehen hat, gibt jene Stimmung der Nostalgie an, die unterschwellig all seinen Geschichten aus dem Bürgerkrieg innewohnt, und stellt zugleich ein poetisches Projekt dar: "O Tage, da die ganze Welt wunderbar war und fremd; da unbekannte Sternbilder in den Mitternächten des Südens loderten und die Spottdrossel in der mondesgoldenen Magnolie ihr Herz ergoss; da etwas Neues unter einer neuen Sonne war; ob euer feines langes Gedächtnis je aufhören wird, Kontrastbilder quer über die herberen Züge dieser späteren Welt zu legen und dabei die Hässlichkeit dieses längeren und zahmeren Lebens zu betonen. Ist es nicht seltsam, dass die Gespenster einer blutbefleckten Epoche solch hauchzarte Anmut besitzen und aus solch zärtlichen Augen blicken? – dass ich mich mit Mühen der Gefahr und des Todes und des Grauens jener Zeit entsinne und ohne jede Anstrengung all dessen, was anmutig und pittoresk war? Oh Jugend, kein Zauberer kommt dir gleich! Gib mir nur einen Strich deiner Künstlerhand auf der öden Leinwand der Gegenwart; vergolde nur einen Moment die tristen und düsteren Szenen von heute, dann gebe ich bereitwillig ein Leben auf, das anders ist als jenes, das ich bei Shiloh hätte fortwerfen sollen". Im Wunderland des Krieges, von der Vergänglichkeit überschattet, liegt das Fremden, das Schöne und das Neue. Dem länger und zahmeren Leben des Friedens sind herbere Züge eingeschrieben, die jedoch erst der Vergleich mit jener Vergangenheit, die allein für Ambrose Bierce vergoldet ist, deutlich macht. Zugleich ironisiert er die eigene Wehmut, denn der Behauptung, er könne sich kaum der Gräuel des Krieges erinnern, sind elf Abschnitte vorangegangen, in denen er eben das erschütternde und zugleich ergreifende Gemetzel um Shiloh mit der nüchternen Gelassenheit eines Landvermessers skizziert hatte. Stückweit nimmt er in seinen Schauergeschichten aus dem Bürgerkrieg diese schwärmerische Apostrophe seiner vergangenen Soldatenjugend zurück. Was er dort hingegen erzeugt ist ein sprachliches Wunderland des Krieges, durchaus vergleichbar mit den Rekonstruktionen großer Schlachten im Hollywood Kino Steven Spielbergs oder Clint Eastwoods. Von den eigenen Erinnerungsbildern, die sich in seinem Imaginären nachträglich wieder einstellen inspiriert, kann er im Geiste in das vergangene Niemandsland der Irrungen, der Zufälle und der unerwarteten Erkenntnisse wieder eintreten, wie auf eine private Leinwand. Dem geistlosen Amerika der Gilded Age, dem es gänzlich an Erstaunlichem fehlte, werden diese vergoldeten Szene seiner verlorenen Jugend überblendet. Dabei muss Ambrose Bierce das Leben, das anders ist als jenes, welches er dem Sargeanten Tod in der Nähe von Kennesaw Mountain abgerungen hat, nicht aufgeben. Als Schrift überlebt jene grausame und zugleich wundersame Zeit seiner Soldatenjahre, wie sie in seinen Erinnerungen immer schon fortgelebt hat. Es bleibt ein Geistersehen, in das er uns mit hinein zieht.
Benutzte Literatur Gampiero Carocci. Kurze Geschichte des amerikanischen Bürgerkriegs. Der Einbruch der Industrie in das Kriegshandwerk. Berlin 2006. Sigmund Freud. "Das Unheimliche" (1919). Gesammelte Werke XII. Frankfurt 1947 --- Zeitgemässes über Krieg und Tod" (1915). Gesammelte Werke X. Frankfurt 1946. Roy Morris. Ambrose Bierce. Allein in Schlechter Gesellschaft. Zürich 1999.
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