Verführungsort Nacht PDF Print E-mail
Written by Elisabeth Bronfen   
Sunday, 14 August 2011 08:10

Verführungsort – Nacht

Elisabeth Bronfen

Eröffnungsvortrag zum Lucerne Festival

 

            Wir kennen die Verführungen der Nacht aus der romantischen Mondlandschaft. Dort heisst es bei Eichendorf (von Schumann vertont): "Es war, als hätt' der Himmel die Erde still geküsst, das sie im Blütenschimmer von ihm nun träumen müsst." Tatsächlich gilt seit der Antike die Zeit, die mit der Dämmerung einsetzt und mit dem Sonnenaufgang zu Ende geht, als besonderer Zeitraum: als Szene für existentielle Grenzerfahrungen, für Handlungen, Begegnungen und Erkenntnisse, die eine Spiegelung und einen Kommentar zum Tag bieten. In der Nacht gibt es eine andere Zeitrechnung, eine Zeit ohne Rechnung, eine Zeit der Abrechnungen. Es öffnet sich ein Seinsraum außerhalb der gewöhnlichen Zeit, in dem die Dehnung der Zeit ins Unendliche erfahrbar wird. Hier vollzieht sich eine Aushebung jener Gesetze des Alltags, die sich an einem anders geregelten Zeitablauf messen lassen. Die Welt ist nach Einbruch der Dunkelheit eine veränderte, weil das nächtliche Spiel von Licht und Schatten einen Ort der Verwandlungen entstehen lässt. Zwar gibt es nach der Dämmerung den Mond und die Sterne, doch im Gegensatz zum Tag werden vom nächtlichen Licht beleuchtete Gegenstände nur unvollständig gesehen. Die Konturen der Umwelt und ihrer Bewohner werden unscharf, der Raum verliert sein Maß, Distanz und Nähe können nicht mehr genau eingeschätzt werden. Es entsteht die Erfahrung einer Ortlosigkeit, die beruhigend, verführerisch und furchterregend zugleich sein kann.

            Doch in der Nacht wird der Blick nicht nur verwirrt. Es wird auch ein geistiges Sehen erhöht, welches die Aufmerksamkeit auf andere Arten der Wahrnehmung lenkt. Die Stimmung des Raums wird intensiver vernommen. Wir werden dazu verführt in einen affektiven Zustand einzutreten, der eher von Tönungen als klaren Strichen geprägt ist. Es entfaltet sich – und darin liegt die Nähe zur Theateraufführung – ein gestimmter Raum, an dem man sich im Schutz der Dunkelheit ungehemmter als bei Tag den Phantasien hingegen kann: genauer jener unbekannten Seite der Psyche, in der widersprüchliche Empfindungen in der Schwebe gehalten nebeneinander verharren können. Es entsteht ein Verführungsort extatischer Selbstengrenzung und übernatürlicher Offenbarungen ebenso wie verbotener und fatale Verlockungen. In der Nacht halten sich Einbildung und Wirklichkeit, Blindheit und Einsicht, Verblendung und Erleuchtung, Trug und Verzauberung stets die Waage. Eine finstere, kalte Nacht weckt Unlustgefühle und Angst, ein rätselhafter Mond unheimliche Vorahnungen. Ist jedoch der Himmel mit glänzenden Sternen besäht, ruft dies eher beglückende Wunschbilder auf. Die von der Nacht hervorgebrachten Veränderung unserer Sinneswahrnehmungen entspricht einer anderen Orientierung des Seins. Rationale Erkenntnis mag zwar in der Nacht geschwächt sein, Zweifel mögen eher aufkommen, dennoch dient gerade das Eintreten in diesen anderen Zeitraum auch einer Klärung jener Probleme, die der Tag aufgeworfen hat.

            Mehrere Jahrhunderte bevor Freud in seiner Traumdeutung davon berichtet, wie wir im Traum Tagreste abarbeiten und für die Sorgen des Alltags in unseren nächtlichen Gedanken verdichtete Gestalten entwerfen, die uns am nächsten Morgen befreiter erwachen lassen, hat Shakespeare in seinem Sommernachtstraum –dieser wird auf diesem Festival sogar in vier verschiedenen Varianten zu hören sein – von der heilenden Wirkung der Nachtreise erzählt. Erinnern wir uns: Die beiden Liebespaare fliehen in den nächtlichen Wald vor einem strengen väterlichen Gesetz, welches den Töchtern verbietet, sich mit dem Mann ihrer Wahl zu vermählen. Im Verlauf ihres Nachtwandelns finden sie jedoch aufgrund der Verzauberungen der Augen der beiden Männer, die der Feenkönig Oberon befielt, nicht zu einander. Stattdessen bewirkt die Verwandlung, dass alle vier sich gegeneinander wenden, die beiden Männer rennen plötzlich nicht Hermia sondern Helena hinterher und zeigen sich eifersüchtig bereit zum Kampf. Hermia muss ihrerseits von allen verlassen allein im Dunkeln herum irren, unklar warum die Ereignisse plötzlich einen ganz anderen Lauf als erwartet eingenommen haben. So wird in der Nacht den Liebenden vornehmlich die gewaltsame Kehrseite des Begehrens offenbart. Wie auch die Feenkönigin Titania – ebenfalls von den Tropfen des Liebeszaubers geblendet – eine ekstatische Liebesnacht mit einem phantastischen Zwitterwesen verbringt, die erst beim Erwachen in der Dämmerung ihr peinlich sein wird. Erst dann nämlich erkennt sie in dem potenten Liebhaber der vergangenen Nacht den mit Eselskopf verstellten sterblichen Zettel.

            Dieser einfache Handwerker wiederrum – und auch das ist für die existenzielle Grenzerfahrung, die die Nacht bietet, entscheidend – wird seinerseits verzückt erwachen. Er kann im nüchternen Licht des Morgens nicht mehr mit Klarheit wiedergeben, was ihm in dieser Zaubernacht widerfahren ist. Aber er weiss, es war etwas Wunderbares. Vor allem: Die bruchstückhafte Erinnerung löst in ihm den Wunsch aus, darüber ein Gedicht zu schreiben, sie macht ihn zum Dichter: "Ich hatte einen Traum. Es geht über Menschenwitz, zu sagen, was es für ein Traum war ... des Menschen Auge hat's nicht gehört, des Menschen Ohr hat's nicht gesehen, des Menschen Hand kann's nicht schmecken, seine Zunge kann's nicht begreifen und sein Herz nicht wieder sagen, was mein Traum war." Der Fürst, seine Amazonenkönigin, so wie der strenge Vater – allesamt Vertreter des vernünftigen Kodes des Alltags – kommen nur bis zum Waldrand, wo sie am nächsten Morgen ihre Kinder, glücklich in zwei Paare aufgeteilt, schlafend vorfindend. Von den wundersamen Geschichten, die diese nur lückenhaft erzählen, ist dann auch Theseus so ergriffen, dass er den Töchtern und nicht dem Vater Recht gibt. In der Nacht – und auf diesen Punkt komme ich später nochmals zu sprechen – werden die Weichen gestellt, die einen glücklichen Morgen sicherstellen. Man muss in die Nacht, um ein Wissen – erschreckend wie beglücken – zu erhalten, welches einem am Tag verwehrt ist. Man muss zugleich aber beim Aufwachen dieses Wissen stückweise wieder vergessen. Der Zauber der Nacht wirkt lediglich im Tag nach.

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             Nachtszenen – so meine These – fungieren als Chiffren für das Phantasieren. Unser kulturelles Imaginäres wertet die Nacht deshalb auf, weil sie zeichenhafter ist als der Tag. Hören wir nochmals die Stimmung, die Eichendorfs romantische Mondlyrik ausmalt: In einem vom Mond heimlich erleuchteten Tal erklingt der Gesang der Nachtigall "wie ein Rufen nur aus Träumen," das Wunder sagt. Hier steigt die wunderbare Nacht "von den Bergen sacht hernieder Weckend die uralten Lieder," die von "versunknen schönen Tagen" erzählen. Diese einsamen, stillen Orte sind gleichzeitig realisierte Traumlandschaften, in denen "Die Berge im Mondesschimmer Wie in Gedanken stehen, und durch verworrne Träume die Quellen klagend gehn." Nicht jedoch nur fremde und verwunschene Szenen ruft die Nacht in Eichendorfs Wortmalerei auf: Marmorbilder, Paläste im Mondschein und verschlafene Brunnen. Dieser nächtliche Schauplatz erhält seinen Zauber auch dadurch, dass eine Sehnsucht nach Selbstentgrenzung auf ihn übertragen wird. Bisweilen ist es eine Welt "an des Lebens Rand," die im Nachtwandler die Vorstellung weckt, der Himmel hätte die Erde still geküsst, sodass sich die Seele vom Leib trennen und nach Hause fliegen möge, in jene andere Nacht des Todes, jene Vereinigung mit dem Göttlichen, welche die Kunst nur erahnen lässt.

            So ist es denn auch der an Schlaflosigkeit Leidende, wie Sie im Zyklus zur Insomnia hören werden, der sich dem Abgrund der menschlichen Existenz direkt hingibt. Mitten in der Nacht Wache zu halten, statt zu schlafen achtsam zu bleiben heisst, sich dem schrecklichen Wissen auszuliefern, welches einem im Traum nur entstellt erscheint und beim Erwachten nur als Bruchstücke wiedererkannt werden kann. Wie Paul Valéry festhält: die Schlaflosigkeit zwingt einen, einer Stimme zu lauschen, die sich zu schweigen weigert, die nicht ausgelöscht, nicht aufhören, angehalten, oder aufgegeben werden will. Vielleicht erklärt sich dadurch auch die kuriose Anekdote, dass ein russischer gesandter am Dresdner Hof sich während der 1740er Jahre Nacht für Nacht Bachs Goldberg Variationen vorspielen ließ. Über die Musik fand er einen Eingang in diesen anderen, im Alltag nicht erfahrbaren Zustand des Außen.

             Die Nacht als Bühne, Geisteszustand und Haltung findet man natürlich mit besonderer Brisanz in der Opernwelt. Dort steht an erster Stelle Mozarts Königin der Nacht, deren Koloraturen zuerst besonders brillieren, bevor sie von ihrem Widersacher Sarastro in eine ewige Nacht verbannt wird. Vorher hat sie jedoch ihre Zauberflöte an das Liebespaar weitergegeben, sodass zusammen mit Pamina und Tamino auch deren Musik im Sonnentempel Eingang finden wird; wenn auch nur als Spur der nächtlichen Stimme der Mutter. Ebenfalls im Schutze der Nacht spielt sich in Mozarts Figaros Hochzeit das Intrigennetz so ab, dass die zerstrittenen Paare am Ende wieder glücklich vereint zum feierlichen Feuerwerk und anschließend ins Ehebett schreiten können. Und für Don Giovanni lässt sich feststellen: Die Verwechslungsspiele dieses Frauenhelden kann man sich überhaupt nur Nachts vorstellen. Es muss dunkel sein, damit seine becircenden Verführungen funktionieren; wie auch nur die Nacht seiner kühnen Herausforderung an den ermordeten Vater, mit ihm zu speichen, eine Bühne stellen kann. Und wie in der Zauberflöte stellt die Verdämnis, die Don Giovanni am Ende dieser Nacht zu Teil wird auch eine Überwindung der Nacht dar; wobei diese zugleich auch dem Ende jener bezaubernden Fantasmagorie der Opernbühne selber gleichkommt. Ist diese doch selber konzipiert als nächtliche Gegenwelt zum vernünftigen, nüchternen Alltag.

            Und auf dieser nächtlichen Bühnen singen denn auch mit vorliebe Nachts die Sopranistinnen von ihrer Liebe, ihrem Leid und ihrer Verzweiflung: Lucias Liebeswahn, nachdem sie begreift, wie sehr sie von ihrem Bruder ausgenutzt worden ist. Bellinis Somnambula, deren Gesang des Schlafwandelns ihre Unschuld beweist. In Rigoletto die verzweifelte Gilda, die in den Palast des Fürsten verschleppt versehentlich vom eigenen Vater ermordet wird. In Traviata die glanzvolle Abendgesellschaft am Anfang, das leidenschaftliche Aushauchen der letzten Töne Violettas am Ende – alles nächtlich gestimmte Szenen. Am eindrücklichsten natürlich Wagners Nachtgeweite, die im nächtlichen Garten vor dem Schlosse des betrogenen König Markes von jener fatalen Zweisamkeit singen, die Tristan und Isolde gänzlich in einander aufgehen lässt. Für mich jedoch entscheidend ist hier die Stimme Brangänes, die die Liebenden warnt: "Habet acht, schon weicht dem Tag die Nacht." Wagners Nachtgeweihte wollen das nicht hören, ziehen sie doch den Eintritt in eine ewige Nacht des Todes vor. Für uns aber ist das stellvertretende Eintauchen in die nächtliche Welt der musikalischen Aufführung notwendigerweise mit einem Aufwachen aus ihr verbunden.

            Ans Ende der Nacht schreiten heisst an den Punkt gelangen, wo die Nacht aufhört und etwas Anderes beginnt. Am Ende der Nachtreise angekommen befindet man sich an einem Umschlagpunkt, an dem die Nacht, die sich als Stimme und Stimmung offenbart, hat auch wieder erlischt. Wir brauchen den Verführungsort Nacht um verborgene, verbotene und vergessene Welten zu erfahren. Weil die Nacht den Traum gebiert, entfalten sich in ihr geheime Aspekte des Ichs. Weil die Nacht auf den Tod verweist, fördert sie die Sehnsucht nach der Erlösung der Seele vom Leib. Weil die Nacht den Ort für erotische Ekstase verspricht, birgt sie das Glück wie die Gewalt, die aus der Begegnung mit einem Geliebten gewonnen wird. Dennoch: Nächtliche Schauplätze samt der Wünsche, die sie auslösen, der Handlungen die sie Ermöglichen, der Erkenntnisse die sie zu Tage bringen, fungieren als Orte einer Passage. Wir brauchen jenes Wissen, von dem Nietzsche in seinem Zarathustra behauptet, es sei tiefer als der Tag gedacht. Zugleich aber müssen wir auch durch die Nacht, um in einem Tag aufzuwachen, der aufgrund dieser Erfahrung verändert ist.

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            Für diesen Weg durch die Nacht zum Licht, von dem aucg der Zyklus "per aspera ad astra" handelt, ein letztes Beispiel. Am Ende von Virginia Woolfs Roman Die Wellen begibt sich ihr Alterego, der alternder Dichter Bernhard, auf einen nächtlichen Spaziergang durch London. Die Welt droht ins Dunkel zu entgleiten – perfekte szenische Entsprechung jener für die klassische Moderne typischen Erfahrung radikaler Einsamkeit. "Lasst mich diesen Schleier des Seins abtun und fortwerfen, diese Wolke, die sich beim kleinsten Atemzug verändert, Tag und Nacht, den ganzen Tag und die ganze Nacht" ruft Bernhard kühn aus. Dann aber bemerkt er eine unbestimmte Beleuchtung: "doch es ist ein Züngeln am Himmel, vom Lampenlicht oder von der Morgendämmerung?" Er will es nicht Morgenröte nennen, denn "Was bedeutet die Morgendämmerung einem ältlichen Mann?" Das weiße Licht, das er erahnt, ohne es bereits zu sehen, bleibt zweideutig. Es kündigt sowohl "wieder einen Tag….wieder ein allgemeines Erwachen" an und wird zugleich als grundsätzlicher Daseinszustand verstanden: "Ja, dies ist die ewige Erneuerung, das unaufhörliche Ansteigen und Verebben, Verebben und wieder Ansteigen."

            Am Ende seiner Reise durch die Nacht angekommen, orientiert sich Woolfs Dichter an der Horizontlinie des Lebens, die der Tod ist. Ihn beschwört er mit seinen letzten Worten herauf: "Dir will ich mich entgegen werfen, unbesiegt und ungebeugt, O Tod!" Aber – und das ist für mich ebenso entscheidend wie Brangänes Ruf – der Roman endet nicht da. Obgleich Bernard in die Nacht schreitet, auf einen Tod gerichtet, von dem er weiß, dass er ihm nicht auswichen kann, kündigt sich im letzten Satz des Romans das unermüdliche Zwischenspiel von Leben und Tod, Tag und Nacht, Erwachen und Traum an: "Die Wellen brachen sich am Strand". Das weiße Licht, von dem Bernard nicht mit Sicherheit sagen kann, ob es eine Lampe oder die Morgenröte ist, leitet eine Dämmerung ein, einen Zustand des Übergangs, der in den Tod oder in einen neuen Tag führen könnte: Erwartung und Flüchtigkeit in einem.             Von der Nacht als einem Verführungsort zu sprechen, heisst von einem Zustand zu sprechen, in dem die Möglichkeit angelegt wird, in einen neuen Tag einzutreten, der weder vom Licht Sarastros nächtlicher Sonne ausgeleuchtet noch von der geistigen Umnachtung Wagners Nachtgeweihten getrübt ist. Hier kann aus einem Erwachen in der Nacht ein Aufwachen in und für den Tag entstehen. Denn aus den Erfahrungen, die in der Nacht gewonnen werden können, nimmt man etwas in den Morgen danach mit, wodurch der neue Tag anders wird. Als Verführungsort fungiert die Nacht somit als Fluchtraum und Umschlagpunkt zugleich. In ihr können Wünsche ausgelebt werden, von denen man tagsüber nur träumt, können Gedankengänge durchschritten werden, die tagsüber unmöglich sind. Vor allem aber wird in der Nacht entschieden, dass es einen nächsten Tag geben wird; wie dieser zu denken ist. Über die Klänge der Zauberflöte der Königen der Nacht, über die verwirrlichen Bruchstücke jenes Traums die Zettel beim Erwachen erinnert, dringt die Kraft der Nacht in den Tag, nistet sich dort ein – als Erinnerung und als Versprechen.