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Das Orakel von Washington D.C.

Science Fiktion hat schon immer dazu gedient neuralgische Punkte der amerikanischen Gesellschaft anzusprechen. So erstaunt es kaum, daß Steven Spielberg seinen Minority Report als Spiegel jener öffentlichen Stimmung seit dem 11. September versteht, die bereit ist zivile Freiheiten aufzugeben, um sich sicher zu fühlen. Tatsächlich wirkt Philip K. Dicks Pre-Crime Einheit, die er im Zeichen des Kalten Krieges für das Jahr 2054 entworfen hat, um den Glauben daran, daß totale Sichtbarkeit auch totale Sicherheit bedeuten könnte zu hinterfragen, erstaunlich zeitgemäß. In einem ovalen Schwimmbecken liegen drei Wesen im Dämmerzustand, mit Schläuchen aneinander verbunden, sowie an einen Rechner, der ihre Gedanken aufzeichnet. Man nennt sie Precogs, weil ihre hellseherischen Fähigkeiten ihnen erlauben, alle vorsätzlichen Gewalttaten, die in der Umgebung von Washington D.C. stattfinden werden, vorauszusehen. In dem Augenblick, in dem sie eine Gewalttat erahnen, wird ein Alarm ausgelöst, und die Polizisten, die sie Tag und Nacht beobachten, erfahren den Namen der zukünftigen Opfer und Täter, sowie den Zeitpunkt der voraussichtlichen Tat. Auf einer gläsernen Wand manipuliert daraufhin der Leiter der Einheit John Anderton (Tom Cruise) die heruntergeladenen visuellen Fragmente des Gewaltgeschehens, um den Tatort ausfindig zu machen und den vermeintlichen Täter festzunehmen. In den ersten Sequenzen des Films gelingt es Spielberg für ein Überwachungssystem, dem nicht einmal die Gedanken der Bürger verschlossen bleiben, ergreifende Filmbilder zu finden, die dessen Kernwiderspruch entlarven. Die Gedankenpolizei, die die Bevölkerung eigentlich schützen sollte, terrorisiert diese dadurch, daß sie zu jeder Zeit in die intimsten Räume eindringen kann: Sei es weil sie plötzlich in Scharen aus dem Himmel auf einen Verdächtigen hinab schweben und diesen einkreisen, sei es weil sie mechanische Spinnen auf Wohnblöcke loslassen, um mit Hilfe eines Augenscans die Identität der Bewohner zu registrieren. In dieser allumfassenden Hilflosigkeit gegenüber dem Blick einer strafenden Autorität liegt für Spielberg unzweifelhaft die Grenze dessen, was man an persönlicher Freiheit für eine innere Sicherheit aufzugeben bereit sein sollte.

Natürlich versteht man den Reiz eines Sicherheitssystems, in dem der Schutz der Bürger mit einer Abwehr aller möglichen Gewalttaten gleichgesetzt wird. Gewalt zu verhindern statt sie zu bestrafen würde bedeuten, aus der fatalen Logik des nachträglichen Handelns auszubrechen. Denn eine auf Bestrafung basierende Rechtsprechung greift immer zu kurz, da sie die Gewalttat nur sühnen, nicht aber rückgängig machen kann. Doch wenn ein auf Verhinderung angelegtes Bestrafungssystem dem Wunsch nach einer Welt ohne Gewalt entspricht, wird dadurch jene radikale Beschneidung des Menschen mit eingeführt, gegen die Spielbergs Film warnt. Denn auf die Vorbestimmung des Handelns zu beharren bedeutet auch, jegliche individuelle Handlungsfähigkeit zu annullieren. In Philip K. Dicks paranoidem Universum hat der Einzelne nicht nur kein Recht, sich gegen die Verhaftung durch die Gedankenpolizei zu wehren. Der Preis für eine Welt ohne Gewalt ist auch das Tilgen des Zufalls der besagt, daß nicht alle Gewaltgedanken in Taten umgesetzt werden müssen. Als eingefleischter Humanist versteht Spielberg zwar den Wunsch nach einer Welt, in der totale Sicherheit herrscht. Gleichzeitig kann er aber den ur-amerikanischen Traum an die Möglichkeit der Selbstbestimmung nicht aufgeben. Haben seine Filme doch immer von der utopischen Vorstellung gelebt, daß man als Einzelner in sein Schicksal eingreifen kann, um unmenschliche Lebenssituationen zu verändern.

Nicht zuletzt, weil aus dem düsteren Universum Philip K. Dicks ein Blockbuster entstehen sollte haben die Drehbuchautoren Scott Frank und Jon Cohen einen verworrenen Verfolgungsplot entwickelt, der zwar nicht aufgeht, dafür aber ein Feuerwerk an Szenen des Gejagtseins entfaltet. Von dem Augenblick an, als Anderton entdeckt, daß die Precogs ihn als Mörder eines ihm unbekannten Mannes identifiziert haben, nehmen die in kalten Blautönen gefilmten Bilder einer beklemmenden Überwachungsmaschinerie eine aufheiternde Wendung ein: Als wäre er durch Alices Hasenloch gefallen, beweist Tom Cruise auf seiner kühnen Flucht, daß er sich gegen alle Hindernisse zu wehren weiß, um seinen Widersachern zu entkommen. Das Schlagwort des Films heißt demzufolge auch 'everybody runs.' Dabei steht jedoch nicht nur Andertons Findigkeit, das von ihm vertretene System zu überlisten auf dem Spiel, sondern auch ein weiteres philosophisches Denkspiel. Wenn man weiß, daß man Gewaltphantasien hegt, und von diesen auch überwältigt werden könnte, hat man trotzdem die Möglichkeit, anders zu handeln als man denkt? So lautet das zweite Schlagwort des Films, 'you have a choice.' Der Precog Agatha (Samantha Morton) entpuppt sich nämlich selber als Störfaktor in dem von ihren Visionen gestützten Precrime-System. Nachdem Anderton begriffen hat, daß sie allein ihm helfen kann zu verstehen, wie er plötzlich selber zum Verdächtigten seiner eigenen Polizeieinheit werden konnte, beharrt sie darauf, er hätte auch die Wahl, den Tatort zu verlassen, ohne Blut zu vergießen, weil er seine Zukunft kennt.

Die Frage der Eigenverantwortung wird in Minority Report jedoch nicht als politisches, sondern als persönliches Anliegen verhandelt: Als Krise und Wiederherstellung der Kleinfamilie. Diese Abwendung von einer Kritik an den Rechten der Polizei ist deshalb bemerkenswert, weil sie eine von der Geschichte gelegte Fährte ausblendet. Man könnte nämlich durchaus mutmaßen: Vor Trauer um den verlorenen Sohn, der bei einem gemeinsamen Besuch eines Schwimmbades plötzlich verschwand, leidet Anderton an Wahnvorstellungen. Sein Glaube, der Report der Precogs wäre eine Fälschung seines Rivalen Danny Witwers (Colin Farrell), um ihm seine Stelle wegzunehmen, entspricht somit der paranoiden Überwachungskultur, die Menschen für schuldig erklärt bevor sie überhaupt eine Tat begangen haben. Wie sehr das Überwachungssystem paranoide Züge trägt zeigt sich zudem darin, daß es von Halluzinationen traumatisierter Wesen abhängt: Von Kindern Drogensüchtiger, die genetisch behandelt worden sind. Die Visionen der bevorstehenden Gewalttaten entspringen somit den Traumwelten jener, die immer nur eine Welt der Gewalt und Zerstörung kannten. Zwar interessiert Spielberg der morsche Kern, der einem Verständnis von Gerechtigkeit innewohnt, das das Ausüben von Gewalt über Leben und Tod als Mittel einsetzt, um Gewalt zu verhindern. Doch diese Kritik der Gewalt wird als klassische rite-de-passage des Sohnes inszeniert.

Wie schon so oft muss Tom Cruise sich gegen eine väterliche Autorität durchsetzen, um endlich erwachsen zu werden. Er entdeckt, daß die Gründung von Pre-Crime der Tod Agathas Mutter zusammenhängt und bringt somit das ganze Überwachungssystem zu fall. Dadurch kann er die Stelle des Vaters endlich einnehmen, und mit seiner schwangeren Frau eine neue Familie gründen. Doch eigentlich wurde er für diese Retterrolle von Agatha ausgewählt. Mit der klagevollen Aufforderung 'don't you see' lässt sie ihn die Bilder ihrer sterbenden Mutter miterleben, die sie ebenso heimsuchen wie die Vision zukünftiger Gewalttaten. Daß im Zentrum der Verfolgungsjagd ein Exorzismus der Vergangenheit liegt, erklärt die optimistische Wende im Schicksal der beiden Ausreißer. Plötzlich geht es weder um die Gesetze der Vorherbestimmung, noch um die Frage der Gewaltverhinderung, sondern um Vergeltung. Das könnte man als sentimentale Entlastungsgeschichte abtun, wenn da nicht der hypnotische Blick Agathas wäre. In einer wunderbaren Szene nutzt sie ihre hellseherischen Fähigkeiten, um dem Überwachungssystem ein Schnippchen zu schlagen, weiß sie doch im Voraus, wann ein Ballon den Blick der Polizisten, die sie verfolgen, verstellen wird. Und wenn sie Anderton beibringt, daß er sich entscheiden kann, ob er seinen mörderischen Absichten nachgeben will oder nicht, ist sie es auch, die ihm beibringt, daß Verzeihen auch eine Alternative zum Töten darstellt.

Minority Report setzt mit des Visionen der Precogs von der Zerrüttung einer Familie ein, genauer mit dem Wunsch eines Familienvaters, seine Frau und dessen Liebhaber zu töten. Er hört mit Bildern eines wiedergewonnenen Familienglückes auf. Irgendwo zwischen dem paranoiden Verdacht, die Familie sei immer bedroht, und der verklärten Wunschfantasie ungetrübter zwischenmenschlicher Harmonie, pendelt sich Agathas Hellsicht ein. Man hat erst eine echte Wahl zwischen dem Ausüben von Gewalt und dem Sublimieren seiner Vergeltungswünsche, wenn man für sich erkannt hat, das Gewalt nie gänzlich zu tilgen ist, weder in einem Individuum, noch in einer Gesellschaft, und wenn man sich deshalb fürs Leben entscheidet. Nicht also nur das Maß an Freiheit, das man aufzugeben bereit ist, steht auf dem Spiel, sondern auch die Fähigkeit die Gewalt der Leidenschaften in Mitgefühl umzupolen. Vor der Gewalt, die uns zufällig von außen trifft, können wir nie sicher sein. Aber vor Wahnvorstellungen einer von Verbrechen gereinigten Welt, deren Preis der Einsatz staatlich sanktionierter Gewalt ist, müssen wir uns schützen. Dann wird die ermordete Mutter Agatha in ihren Träumen nicht mehr heimsuchen.


© Elisabeth Bronfen 2002