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Erlöserfiguren ungewöhnlicher Art. Gattaca und Matrix im Vergleich

Matrix (1999) von Andy und Larry Wachowski: ein Film, über die Geburt des Einen – Neo. "He is the one," wird wiederholt performativ deklariert, von der kleinen Bande, die sich unter der Führung Morpheus entschieden haben, einen Aufstand gegen eine von Computern regierte Welt zu leiten. Weil er "the One" ist, wird er die Welt retten. Weil sie daran glauben, er sei "the One," muss er auch eine postmoderne Erlöserfigur sein. Matrix: Ein performatives Umspielen von der Macht des Glaubens, aber auch ein Spiel um Zahlen, um die Trinität; wie aus drei Einer wird. Wie die für die Sprache des Computers grundlegende Differenz zwischen '0' und '1' überwunden werden kann, als visuelle Analogie zu einer Geschichte über die Überwindung von Technologie zugunsten von Glaube, Liebe und Hoffnung.

Mit meinem Vortrag heute Abend möchte ich diesen zum Kult gewordenen Film zusammenlesen mit Andrew Niccols zwei Jahre vorher veröffentlichten Film Gattaca (1997), in dem auch die rite des passage einer postmodernen Erlöserfigur gezeichnet wird, wenngleich es gerade nicht um eine performative Deklaration des Glaubens, als rhetorische Geste der Allianzbildung geht, sondern den Willen des einzelnen Subjekts. Der Vergleich erscheint mir dennoch sinnvoll, weil in beiden Filmen die Frage der Erlösung aus einer technisch gänzlich kontrollierten Welt als Frage der Kontingenzfähigkeit verhandelt wird. Der Erlöser – so die Botschaft der Rettung – ist einer, der Risiken auf sich nimmt, der das nicht Vorhersehbare wagt, der etwas tut, was noch niemand getan hat. Deshalb kann er seine Mitmenschen mit Hoffnung erfüllen. Nicht also um eine Transzendenz in eine Welt der Harmonie, der Einheit, des Einklangs, oder wie man kultursemiotisch sagen würde, in eine Welt der Transparenz von Zeichen geht es, wie dies die klassische Vorstellung von Erlösung – man denke an Wagners Opernhelden – verspricht; sondern gerade um das Wiedereinführen von Opazität, von Zufall und Unsicherheit, von Störung, aus der die Möglichkeit des Anderen als etwas nicht Vorhersehbares, nicht Kalkulierbares, die reine Chance geboren wird.

DIE ANFANGSSEQUENZ UND SCHLUSSSEQUENZ

Lassen Sie mich – auch wenn die Reihenfolge im Titel anders ist – mit Matrix beginnen, und zwar mit der Anfangs und Abschlussszene, weil dort die Frage der Erlösung visuell als Zahlenspiel inszeniert wird, mit der Auflösung aber auch die Möglichkeit einer ironischen Lektüre angeboten wird, die dem performativen Ritual des Glaubens entgegensteuert, um dann für Gattaca entscheidende Unterschiede herauszuarbeiten: Das Fehlen eines psychotisch anmutenden Glaubensbündnisses aber auch das Fehlen der Ironie.

Anfangsszene

Auf der Tonspur hören wir ein Gespräch zwischen Trinity und Cypher, in dem es um Neo geht. Während Cypher ein Liebesnarrativ anspricht – 'you like him, don't you' – beharrt Trinity auf dem Glaubensnarrativ ihres Anführers – 'Morpheus thinks he is the One." Gerade in dem Moment, in dem es darum geht, ob sie diesen Glauben teilt oder nicht, lenkt Trinity Cyphers Aufmerksamkeit auf eine Störung in ihrer Leitung. Gleichzeitig ist die Kamera ganz dicht an die Ziffern auf dem Bildschirm gefahren. In dem Augenblick, in dem sie auf die '0' in einer Sequenz zusteuert, erklärt Trinity, "I better go," während die Kamera durch die Ziffer hindurch fährt. Wichtig an dieser Visualisierung ist mir der Umstand, dass während der Kamerafahrt die Null ihre Rundung auflöst und gerade Wände erhält, sodass sich aus dem Hintergrund der 0, als schwarzes Bild, eine 1 ablesen lässt, bevor die Kamera erneut eine 0 einfängt, nämlich das runde Licht einer Taschenlampe, mit der Polizisten, die Waffe in der Hand, eine Türe ansteuern. Im Kreis ihres Lichtes fangen sie nicht nur das runde Guckloch ein, sondern auch die Zimmernummer '303', bevor sie die Türe auftreten, und wiederum mit ihrem Suchlicht Trinity dort entdecken. Sie sitzt neben einem Telephon, hat ihnen den Rücken zugewandt, und erhebt, als wollte sie sich ihnen ergeben, langsam die Hände. Sie wird – von der Stimme ihres Anführers ermutigt, sich zu konzentrieren – die beide Einheiten im Kampf vernichten, wird erfolgreich aus dieser Falle fliehen und an eine Telephonzelle gelangen, die ihr die Rückkehr zur Nebukadnezzar erlauben wird. Die Prognose des Polizeichefs, der seinen eigenmächtigen Einsatz gegenüber dem Anführer der drei Spezial Agenten mit der Erklärung verteidigte, "I think we can handle one little," wird sich als falsch erwiesen haben, die des Agenten, er hätte den Befehl gegeben, um die Polizisten zu schützen als richtig. Auf der Flucht wird sie eine Sprungbewegung vollziehen, von der die Polizisten behaupten, "that's impossible." Die drei Agenten kommen zu spät, benennen aber in ihrem Dialog alle weiteren Spieler – den realen Informanten (Cypher) und das neue target (Neo); und visuell untermalen die Wachowski Brüder die Verschränkung der Suche nach dieser Erlöserfigur, indem sie ihre Kamera nochmals durch eine 0 – dem Loch in der Muschel des Telephonhörers hindurchfahren lassen und als runde Öffnung des Buchstaben 'a' im Wort search wieder zurückfahren lassen.

Diese Eingangssequenz – so meine These – bildet eine mise-en-abyme des ganzen Films. Die beiden Dreiheiten – Trinity und die drei Spezial Agenten – werden von einer 'O' (Cypher) getrennt. Alle drei nehmen, wie ich im Folgenden noch genauer ausführen werde, die Position der Anrufung ein; d. h. sie versuchen, Neo von einem symbolischen Mandat zu überzeugen: Trinity von dem Glauben an Morpheus, und d.h. den Glauben daran, er sein 'the one'; die Spezial Agenten – die als Torhüter des Systems fungieren, um dieses gegen Widerstand zu beschützen, von ihrer Macht, und d.h. der Unmöglichkeit des Widerstandes gegen ihr System; Cypher von der Verblendung, die Morpheus' Erlöserphantasie unterliegt. Lassen Sie mich an dieser Stelle auch gleich darauf hinweisen, dass das Wort 'Cypher' im amerikanischen sowohl die Ziffer null/nichts, bezeichnet, als auch eine unbedeutende Person; zugleich auch eine wertneutrale Chiffre, zudem ebenfalls sowohl Geheimschrift als auch deren Gegenzauber, den Schlüssel nämlich zu einer Geheimschrift bedeutet, d.h. die Möglichkeit, diese auszurechnen, zu entziffern, zu dechiffrieren. Die vielen 'O', so wie die Stimme Cyphers aus dem Off wird also explizit als Gegendenkfigur zu der 1 – the One – von den Wachowski Brüdern inszeniert; als Position, die deren Glaubensideologie entziffert, die ihr die Haltung der Ironie entgegensetzt. Und natürlich als die Position innerhalb eines logischen Satzes, die überwunden werden muss, damit eine Transparenz des Glaubens einsetzen kann. Dies ist immerhin die Stimme, die ganz am Anfang die Möglichkeit des Zweifels einbaut – "Do you believe him," und somit als Antwort den blinden Glauben provoziert, diesen aber auch als unhinterfragte Glaubensposition entlarvt, "It doesn't matter what I believe," antwortet Trinity, und markiert dadurch ihre Aufgabe der eigenen vernünftigen Kritik. Die '2' – und auch darauf komme ich im Folgenden nochmals zu sprechen – signalisiert einerseits das binäre Verhältnis der Computerlogik 1 oder 0. Es wird aber von anfang auch als unhaltbare Position deklariert. Die zwei Einheiten der Polizei können problemlos vernichtet werden. Inmitten dieses Zahlenspiels zwischen 3-0-2 und den Stimmen, die von 'the One' erzählen, wacht Neo auf, und wird wenige Minuten später von dem der Mann, der gerade an seine Tür klopft, angesprochen als 'Du bist mein Retter, mein eigener, persönlicher Jesus Christus. Neo – Ein Anagram für 'One', aber auch ein Präfix für neu, jüngst, anders, abnormal, das endlos viele 'neue' Hauptworte bilden kann. Gerade diese Buchstabenkombination erhält – und auch das wird mir im Folgenden wichtig sein – seine Bedeutung abhäng von der Stelle, die es vor einem anderen Wort einnimmt; ist also grundsätzlich nicht eigenständig, sondern erst auf der syntagmatischen Sprachebene semantisierbar.

Schauen wir uns die komplementäre Abschlussszene an.

Abschlussszene

Wieder hören wir aus dem Off eine Telephonstimme, nur sehen wir gleichzeitig auf einem Computerbildschirm, wovon diese erzählt.. Neo gibt die Botschaft, die er am Ende seiner rite de passage für sich als wahre Mission erkannt hat durch. Während wir über die Ziffern gelagert die Warnung "System Failure" erkennen, hören wir seine Botschaft an die Maschinen: "I know that your afraid of change, I don't know the future. I didn't come here to tell you how this is going to end. I came here to tell you how its going to begin." Wie haben einen Neuanfang, und die Kamera betont dies, in dem sie direkt auf die eingerahmte Warnung, die das Ende eines Systems deklariert, hinfährt. Die Welt, die Neo seinen Mitbürgern zeigen will ist eine ohne Regeln und Kontrollen, ohne Grenzen und Abgrenzungen: "a world, where anything is possible." Die beiden Buchstaben, die vielleicht die wichtigste Opposition im westlichen Denken bezeichnen, nämlich die der Geschlechterdifferenz, bilden brisanterweise auch den letzen und ersten Buchstaben der Warnung. Und während die Kamera zwischen dem 'M' (des Systems) und dem 'F' (des Scheiterns) durchfährt erhalten wir wieder zwei Gerade Linien, die auf dem Hintergrund die 1, für die Neo steht, erkennen lassen. Dieser visuellen Geraden hält die Stimme die Frage der Kontingenz entgegen: "Where we go from there is a choice I leave to you." Und auch die Marke der Entzifferung, und somit auch der ironischen Haltung gegenüber der Erlösung, die uns vorgestellt wurde, bleibt. Aus der 1 wird visuell nochmals eine 0, denn symmetrisch zum Anfang, aber auch entgegengesetzt, bewegt sich nun die Kamera vom Computerbildschirm zur Telephonmuschel, also in die Welt der Matrix., und privilegiert somit visuell wie narrativ die Rhetorik nicht kalkulierbarer Möglichkeit. Alles könnte jetzt passieren, nichts ist vorgeschrieben. Neo verlässt die Telefonzelle, blickt – wie eine Wiedererwachter – um sich, setzt dann, in einer Nahaufnahme, seine Sonnenbrille auf, und blickt mit verdeckten Augen direkt in die Kamera (ein Verbot im klassischen Hollywood-Kode), bevor er nach oben blickt. Mit dem nächsten Schnitt sehen wir seine winzige Figur – einer unter vielen – aus einer Totalen, die ihn immer mehr verkleinert, bis er dann aus dem Bildrahmen fliegt. Nur darf man nicht übersehen, in dem Augenblick, als er an uns – Superman ähnlich – vorbeifliegt wird das Bild der Welt verschwommen; ein Verweiss auf dessen Fiktionalität. Gerade darin möchte ich zumindest das Angebot des ironischen Blickes festmachen, mit dem diese Erlöserfantasie uns aus dem Kinosaal entlässt. Auf diesen Blick nach Oben, auf den ein Flug aus dem Bildschirm folgen wird, komme ich in meiner Analyse von Gattaca zurück, also behalten Sie ihn im Hinterkopf, während ich nun die Phasen Neo's Annahme der ihm auferlegten Erlöserrolle genauer betrachten möchte.

SZENEN DER ANRUFUNG

Als theoretischen Ausgangspunkt für meine Beschreibung davon, wie der junge Computerexperte Thomas Anderson zu r Erlöserfigur 'Neo' wird, möchte ich kurz zwei Denkfiguren ins Spiel bringen. Da es mir darum gehen wird zu zeigen, dass die Wahl, vor die der junge Mann gestellt wird – Die Rolle des Erlösers annehmen oder nicht – sich als Anerkennung seines Schicksals entpuppt, und gerade somit die binäre Logik überwunden wird, möchte ich Sie kurz an Freud's Ausführungen zur Kästchenwahl erinnern. In vielen Volkmythen findet sich die Konstellation, dass ein Held sich zwischen drei weiblichen Figuren, oder den sie repräsentierenden Kästchen entscheiden muss, was in Matrix einerseits eine Wahl bezüglich der Dreiheit der Agenten, andererseits eine Entscheidung für die im Namen der Heldin Trinity enthaltene Dreiheit bedeutet. Freud liesst dieses Motiv als Refigurierung unseres Wissens um die eigene Sterblichkeit, genauer des menschlichen Sträubens gegen diese Unterwerfung. Es wird von ihm als Entlastungsgeschichte gelesen, einerseits, weil der Tod, die '3', die man wählen muss, sich als "schönste, beste, begehrenswerteste, liebenswerteste der Frauen" entpuppt, und das werde ich ihnen später noch an Hand einer Sequenz zeigen. Andererseits, weil der Zwang sich als Wahl gebiert: "Es hat hier wiederum eine Wunschverkehrung stattgefunden," meint Freud. "Wahl steht an der Stelle von Notwendigkeit, von Verhängnis. So überwindet der Mensch den Tod, den er in seinem Denkan anerkannt hat. Es ist kein stärkerer Triumph der Wunscherfüllung denkbar. Man wählt dort, wo man in Wirkliichkeit dem Zwange gehorcht, und die man wählt, ist nicht die Schreckliche, sondern die Schösnte und Begehrenswerteste." Aber, folgert Freud, "Die freie Wahl...ist eigentlich keine freie Wahl, denn sie muss notwendigerweise die dritte treffen, wenn nicht...alles Unheil aus ihr entstehen soll." Mir geht es also um folgendes Vexierproblem der Philosophie. Die Erlöserfigur wird als solche gewählt. Er hat keine freie Wahl, denn er muss diese Anrufung wählen. Seine Handlungsfähigkeit, wie auch sein Widerstand gegen ein totalitäres System besteht gerade darin, dass er diesem ein anderes, ebenso in so geschlossenes entgegenhält, nämlich das der vom Schicksal diktierten Berufung. Um diese zu präzisieren möchte ich meine zweite Theoretische Denkfigur auch noch kurzvorstellen, nämlich die von Louis Althusser vorgeschlagene Szene der Anrufung durch ein symbolisches Gesetz. Der Mensch wird zum Subjekt, indem er die symbolische Stelle, die diesem ihm zuschreibt, als sein Mandat, als seine Bezeichnung anerkennt. Die Szene, die Althusser als Illustration für diese Positionierung des Subjekts nimmt ist folgende. Ein Mensch läuft auf der Strasse und hört hinter sich eine Stimme, die 'he du' ruft. Er bezieht diese auf sich, dreht sich 180° um die eigene Achste und antwortet, "Ja." Doch wie Althusser aufzeigt, ist eine zeitliche und räumliche Distanz in das Ritual eingebaut. Es gibt die erste Annahme der Anrufung, auf die das Subjekt, mit dem Satz 'Ja, ich bin es, der gemeint ist', antwortend, sich in dem an ihn von einer Autoritätsinstanz herangetragenen Gesetz wiedererkennt, und eine zweiten uneingeschränkten Antwort auf diese Anrufung, die jeden Zweifel, aber auch die Möglichkeit eine andere Stelle als die auferlegte anzunehmen, ausschaltet. Diese besteht darin, tatsächlich den Platz einzunhemen, der ihm zugewiesen wird, sich in dem ihm angebotenen Narrativ gänzlich einzurichten: "Es ist wahr, hier bin ich."

Matrix, so meine These, umspielt genau diese zwei Phasen der Anrufung, macht dies, wenn man an den Einsatz von Telephonapparaten im Film denkt, ganz wörtlich, und entlarvt diese Annahme einer vorgeschriebenen symbolischen Position als eine falsche Wahl, die gerade durch die Zusatzkodierung der Liebe erträglich wird. Nur bauen die Wachowski Brüder durch die Hinzufügung der Figur Cyphers auch ihrerseits eine Störung in das von ihnen vertretene Anrufungssystem ein. Man hat keine freie Wahl was die Frage anbelangt, ob man ein symbolisch angerufenes Subjekt ist. D.h. man muss die Beschränkung auf eine, von einer aussenliegenden Authorität ausgehenden symbolischen Identität qua Stelle annehmen. Darin liegt die zentrale Kränkung des menschlichen Narzissmus. Aber man kann wählen, welche kränkende Beschränkung der pluralen Möglichkeiten der Identität man bevorzugt. Für Neo – wie ich an Hand einiger Szenen zeigen möchte – bedeutet das die Wahl zwischen der Unfreiheit eine menschliche Batterie zu sein, die träumt, sie würde in der Matrix eine komputergeneriertenSimulation leben, eigentlich aber in Bottichen liegt, und mit ihrer Körperwärme das Computer-System am Leben erhält, und der Möglichkeit, aus diesem System abgekoppelt gegen dieses zu kämpfen. Beides sind – wie die folgenden Szenen zeigen werden – fremdgesteuerte Narrative, nur erscheint zweiteres wie eine Wahl der Handlungsmöglichkeit. Betrachten wir die Szene der Anrufung, die auf die Nachricht auf Neo's Bildschirm folgt. Der junge Mann, der am nächsten Morgen von seinem Chef mit der Feststellung kritisiert wird, er hätte Probleme mit Authorität, weil er sich für etwas besonders hält, kehrt an seinen Arbeitsplatz zurück und bekommt dort als Briefsendung ein Nokia-Handy überreicht.

Szene der Anrufung

Als Neo die Stimme Morpehus hört, dreht er sich – und darum geht es mir – 180° um seine eigene Achse, kauert dann an seinem Schribtisch in der Haltung eines Verschwörers, bevor er auf diese Anrufung antwortet. Er ist zwar bereit, die ihm von Morpheus zugewiesene Stelle innerhalb seiner Rettungsphantasie anzunehmen, kann sie jedoch noch nicht voll anerkennen. Der Zweifel an der Wahrhaftigkeit und der Gewissheit seiner Existenz muss voll ausgekostet werden, bevor der Glaube an die ihm symbolisch vorgeschriebene neue Identität uneingeschränkt angenommen werden kann. In diesem Schwellenbereich zwischen der Annahme und der Antwort auf die von Morpheus ausgehende Forderung, Neo solle die Stelle des Auserwählten einnehmen, spielt sich – so meine These – die Handlung von Matrix ab, und zwar immer wieder als Frage der Wahl. Zuerst zwischen den drei Agenten, die ihn verfolgen, und Morpheus, der ihn schon lange sucht. Zweitere würde bedeuten, den Instruktionen Morpheus blind zu folgen, ein Risiko, das Neo anfangs nicht bereit ist, einzugehen. Dann in der Szene, in der Morpheus ihn vor die Wahl stellt, einweder weiterhin in einer Traumwelt zu verharren, oder in einen Zustand von Wahrheit zu gelangen. Beachten Sie wieder die Inszenierung – in den Sonnenbrillen Morpheus spiegelt sich diese Wahl, und zeigt sich somit als Wahl zwischen zwei 'Narrativen'. Neo bleibt unentrinbar einer binären Logik verschrieben, d.h. er muss entweder die eine oder andere Stelle – die blaue oder die rote Pille – wählen. Er hat an sich keine wirkliche Wahl, nur die Wahl welche der beiden 'Widerspiegelungen' er bevorzugt: das Narrativ der Sicherheit oder das, im Land der Wunder zu bleiben. Ebenfalls brisant ist der Umstand, dass Morpheus ihm ein Aufwachen verspricht, dass an die Frage des Schicksals geknüpft ist. Noch erklärt Neo, er würde an ein Schicksal nicht glauben, weil ihm die Vorstellung nicht gefällt, nicht die Kontrolle über sein Leben zu haben. Doch Morpheus fängt ihn ein, indem er ohm zwischen dem Gefühl des Unbehagens, und der Sicherheit der selbstbestimmten Handlungsfähigkeit keine Wahl lässt. Die Wahrheit der Matrix kann man nicht erklären, man kann sie nur erfahren.

Morpheus choice

Um zur Erlöserfigur zu werden, muss Neo lernen, dass er nur das wählen kann, was Morpheus ihm als Narrativ eingeflösst hat. Von dem Computersystem wird er abgenabelt, erfährt somit eine Neugeburt, und wird darauf hin – der Umwandlung des Heldin in Gattaca nicht unähnlich – sowohl physisch wie psychisch für seine Erlöserrolle ausgebildet. Doch dies geschiet explizit unter der Schirmherrschaft der Gewissheit, die Morpheus hägt, dass er 'the One' sei. Gegen das von der Matrix auferstellte Regelsystem gibt es nur eine Wehr – daran zu glauben, dass es ein Gegensystem gibt. Diese Opposition wird im Film durch eine weitere Drehung der Wahlmöglichkeit dargestellt, und zwar durch zwei Figuren, die wie Fremdkörper im System wirken. Einerseits dem abtrünnigen Cypher, der sich darauf eingelassen hat, seine Freunde an die Agenten zu verraten, somit zwischen der Welt der Nebukadnezer und der Matrix hin und her pendelt, und andererseits dem Orakel, das wie ein Kontingenzknoten in der Matrix haust, und die Kräfte des Widerstandes mit ihren Profezeihungen nährt. In der einen Szene haben wir Cypher, der versucht, bei Neo Zweifel zu sähen. Sie befinden sich gemeinsam vor der Bildschirmanlange, mit der die Besatzung der Nabukadnezar die Veränderungen in der Matrix überwacht. Anfangs erklärt Cypher nur, wie das Entkodierungsprogram funktioniert, dann aber wendet er sich vertraulich an den Neuankömmling, und fragt ihn, ob er weiss warum er auf dem hoverkraft sei, um dann zynisch darauf zu antworten: "Jesus, what a mind job. So you're here to save the world. What do you say to something like that." Auch er will Neo etwas einreden, nämlich dass er nichts besonderes sei. Neo, der noch immer unentschieden ist, ob er dem Mandat, er sei der Erlöser glaubt, und dies somit annimmt, oder doch Zweifel hegt, verlässt ihn, ohne zu antworten. Wieder fährt die Kamera auf den Bildshirm zu, auf dem der Matrix-Kode flimmert, und im Schnitt sehen wir, wie die Judas-Gestalt seine Freunde an die Special Agents verrät. Diesmal jedoch fährt sie durch keine 'O' oder 'I' hindurch, sondern bewegt sich von der einen Welt durch einen harten Schnitt statt einer Gleitbewegung in die andere. Ich möchte dies als Ironie Signal lesen, was uns wiederrum vor die Wahl stellt, Cyphers zynischer Deutung zuzustimmen, Morpheus Regime sei ein kollektiver Wahn, auf dem man sich nicht einlassen muss. Oder, wie eine Anschlussszene vorschlägt, dem Orakel zu vertrauen, und der zynischen Vernunft einen unzweideutigen Glauben entgegenzuhalten. Auch sie fragt Neo, ob er Morpheus Anrufung folgt und sich für 'the One' hält. Auf die Unentschlossenheit, mit der er ihr erklärt, er wüsse es ehrlich nicht, erklärt sie ihm – "Being the one is just like being in love. No one can tell you your in love. You just know it. through and through," und wertet somit ein nicht hinterfragbares Wissen dem Zweifel gegenüber auf. Auch diese Szene lebt von der Aufteilung der symbolischen Anrufung in zwei Phasen. Neo weiss zwar von seinem symbolischen Mandat, kann aber noch immer nicht mit Sicherheit performativ deklarieren: 'Ja, ich nehme die Stelle des Erlösers ein, die ihr mir zuschreibt." Und auch das Orakel stellt Neo vor eine Wahl, die endlich jene Frage von Leben oder Tod ins Spiel bringt, um die es letztendlich als Legitimation geht. Nachträglich wird sich nämlich herausstellen, dass die Entscheidung, von der sie ihm erzählt – dass Morpheus sich für ihn opfern wird und er sich entscheiden muss, ob er sein eigenes Leben oder das seines Anführers retten will – eigentlich eine 'falsche Wahl' beinhaltet. Die Entscheidung, sein Leben zu opfern wird sich als Beweis entpuppen, dass er die ersehnte Retterfigur tatsächlich geworden ist, bzw. immer schon war. Teil der binären Logik zwischen Erzählen und Erfahrung besteht jedoch darin, dass die Wahl der zweiten Position, in der Neo eigentlich nur seinem Schicksal folgt, als Akt der Handlungsfreiheit, in der Neo bewusst den Tod auf sich nimmt, verhandelt werden kann. Gerade in dem Augenblick, in dem er meint, gänzlich Kontrolle über sein Schicksal zu haben, zeigt er, dass er die Kontrolle gänzlich aufgegeben hat.

DAS WUNDER DER LIEBE

Drei Wunder sind für die vollendet Geburt dieser Erlöserfigur nötig. Das erste wird von dem Abtrünnigen Cypher selbst angesprochen. Es liegt nun in seiner Hand, Neo zu zerstören, denn, nachdem er den Special Agents geholfen hat, Morpheus gefangen zu nehme, ist er vor seinen Freunden zur Nebukadnezzer zurückgekehrt. Dort hat er die Besatzung erschossen, und bereits zwei seiner Kamaraden von dem Verbindungssystem zwischen den Welten abgekoppelt, sodass sie in beiden sterben. Nun testet er ein letztes Mal den Glauben Trinitys, in dem er ihr erklärt, wenn Morpheus recht hätte, und Neo der Auserwählte sei, müsste nun ein Wunder geschehen, dass ihn daran hindern würde, auch ihn abzukoppeln. Ihr ungetrübter Glaube an ihn ruft den verwundeten Tank zu neuem Leben, und dieser tötet den Widersacher. Darauf hin spricht er das zweite Wunder aus. Wieder geht es um Leben oder Tod, nur diesmal um die Frage, ob der gefangene Morpheus, der die Kodes zum gesamten mainframe des Widerstandes verraten könnte, abgekoppelt werden sollte. Auf Tanks Beharren, sie hätten keine andere Wahl als ihren Anführer sterben zu lassen, antwortet Neo mit einem waghalsigen Rettungsplan, auf den Tank seinerseits mit der Bemerkung reagiert: "What do you need besides a miracle." Das Wunder, das Neo und Trinity erlauben wird, in das Gebäude, in dem Morpheus festgehalten wird, einzubrechen und ihn zu retten besteht nun aber bezeichnenderweise darin, dass es eine radikale Kontingenz ins System der Matrix einführt, in dem Neo etwas wagt, was noch nie jemand getan hat. Das Unerwartete seiner Handlung garantiert seinen Erfolg. Und sein Erfolg – darin besteht die tautologische Rhetorik des Films – bestättigt den Glauben seiner Gefährten. Er ist 'the one' weil er 'neo' (gänzlich anders, neu) ist.

Diese performative Geste widerholt sich dann auch in der letzten Konfrontation zwischen ihm und dem Special Agent. Nun hat er die Anrufung Morpheus' gänzlich angenommen, behauptet von sich "My name is Neo". An der Stelle angelangt, an der der Film einsetzt – das Zimmer mit der Nummer 303 – wird er zwar von dem Agenten erschossen, aber nun setzt auch das dritte Wunder ein. Auf der Nebukadnezzer flüstert Trinity ihm ihr Szenario einer unumgänglichen Wahl ein. Das Orakel hat ihr erklärt, sie würde sich in den Erlöser verlieben, und deshalb kann er – weil sie ihn liebt – nicht tod sein. Weil sie ihn liebt, muss er vom Tod auferstehen, und somit beweisen, dass er der Erlöser ist, von dem sie alle kollektiv träumen.

Trinitys Kuss

Vom performativen Gesetz der Liebe angerufen wird er unverwundbar. Die Kreisförmigen Kugeln können ihn nicht mehr treffen. In Einklang mit der ihm zugewiesenen Position der 1 kann er sich erfolgreich gegen die böse Trinität der Special Agents wehren. Er sieht die Matrix als Kode, siehst dass die Agenten des Bösen nur ein Kode sind, der umgeschrieben werden könnte, und dreht demzufolge das System um 180° um. Darin besteht das radikal 'neue', mit dem Kontingenz eingeführt wird. Anstatt – wie Cypher ihm dies in seiner geschieterten Verführungsszene riet – von den gatekeepers der Matrix zu fliehen, läuft er direkt auf sie zu, dringt in den Anführerin ein und nimmt ihn regelrecht in sich auf, und nochmals sehen wir, wie die Form der 0 zu der geraden der 1 wird. Er zerstört somit nicht nur einen Agenten. Denn was übrig bleibt ist ein Paar, und von allen Zweier-Figurationen wissen wir, dass sie nicht überleben können. Eine letzte Anrufung schliesst das Wunder. Trinity ruft Neo zu sich, und nun wacht er wirklich auf. Hatten wir zuerst die Bereitschaft, das eigene Leben für den Anderen zu opfern als rhetorische Geste der Erlösung, wird nun das Wunder der Liebe zur höchsten Form der Rettung deklariert. Das Orakel hat – wenn man sich auf die halluzinatorische Logik einlässt – recht behalten. Das Schlussbild besagt: 'Being the one' ist austauschbar mit 'being in love.' Man überwindet den Tod, in dem man ihn wählt. Weil man blind an die Liebe glaubt.

GATTACA

Auch Niccols Gattaca umkreist die Frage, wie kann das Individuum seine Träume gegen ein authoritäres System durchsetzen, und zwar gegen ein System, dass die Menschen vom innersten ihrer Körper reglementiert – ihren Genen. In dieser Welt werden Kinder vor ihrer Geburt genetisch manipuliert, damit ihnen soweit wie möglich alle menschliche Versehrtheit entfernt wird. Zudem besteht die Identitätskarte nun aus Körperausscheidungen – Blut, Haare, Spucke – an Hand derer Laborer sofort die Lebenserwartung, das IQ, aber auch die symbolische Identität des Betroffenen erkennen können. Wir haben also das perfekte Überwachungs- und Reglementierungssystem, weil die Kontrolle über den Körper verläuft: Eine andere Angstfantasasie wie eine totalitäre Welt der Technologie aussehen könnte, in der die Kontingenz ausgeschaltet wird. Die Kinder werden gene-manipuliert, weil man nichts dem Zufall überlassen will. Auch in Gattaca besteht die Antwort des Widerstandes darin, einem anderen Gesetz zu folgen, indem man in das geschlossene System etwas ganz neues einführt, und somit die Möglichkeit der Kontingenz, dass Dinge auch ganz anders sein könnten; dass nicht alles – vorallem nicht die Lebensdauer – vorprogramiert ist. Neo hat sich dazu entscheiden, wie ich ausgeführt habe, die Welt zu retten, in dem er seinen Anführer, Morpheus, rettet. Der Held in Gattaca wird sich entscheiden, komme was wolle als Astronaut in den Weltraum zu fliegen. In Matrix entpuppt sich die Entscheidung als das Befolgen eines anderen Gesetzes – nämlich dem des Schicksals. Somit wird zwar das eine von Kontrolle und Grenzen reglementierte Denksystem gegenüber einem offeneren ausgetauscht, und Kontingenz eingeführt: "where we go from here is a choice I leave to you." Doch dieser Wechsel entsteht nur, indem auf einer anderen Ebene Kontingenz wieder in Kohärenz überführt wird – in eine Geschichte, die jede Handlung zwingend macht, in der man das wählt, was man wählen muss; vor allem aber eine Geschichte, in der Handlungsfähigkeit bedeutet, das einen interpellierende Narrativ unhinterfragt anzunhemen.

Für Gattaca lautet nun meine die These wie folgend: Auch der in-valid Vincent, der vor seiner Geburt nicht gene-manipuliert wurde, deshalb einen Hang zu Herzversagen hat, und ihm nicht nur ein früher Tod vorausgesagt wird, sondern ihm somit auch die Möglichkeit, sich als Astronaut auszubilden verboten wird, will seinen Traum gegen alle Hindernisse durchsetzen. Der Punkt bei seiner Funktion als Erlöserfigur besteht jedoch darin, dass er gerade nicht von anderen erwählt wird, sondern sich selbst neugestaltet, um die Regeln zu brechen. Und das Ziel seines Regelbruches besteht nicht darin, einem vorgeschriebenen Schicksal zu folgen, sondern gerade diesem entgegenzuwirken. Mit anderen Worten, Erlösung bedeutet auch in Gattaca dem totalitären Regelsystem etwas ganz neues, noch nie dagewesenes (neo) entgegen zu halten, um somit bei Anderen eine Hoffnung zu wecken.

Um knapp den Inhalt zu resumieren: Dieser als in-valid geborene Held begreift im Vergleich mit seinem validen Bruder Anton, dass er zu den Aussenseitern der Gesellschaft geworden ist, und auf gesetzhafte Weise seinem Traum, ins Weltall zu fliegen, nicht erfüllen wird. Stellte in Matrix die "2" ein unhaltbare Position dar, ist die Bruder-Dyade hier die bezeichnende Einheit. Die erste perepiteia des Films findet im Wettschwimmen der beiden Brüder statt, bei dem – und somit käme ich auf auf die zentrale Denkfigur meiner Diskussion, nämlich, dass es sich immer um eine Wahl um Leben und Tod handelt – Vincent dadurch seine eigene Stärke erkennt, als er den genetisch stärkeren Bruder vom Ertrinken rettet. Dies führt zu seinem Entschluss seine Familie zu verlassen, zuerst als underclass in der Gattaca Aerospace Corporation zu putzen und sich im Geheimen psychisch und physisch für eine Arbeit dort auszubilden, dann aber den radikaleren Schritt der Selbsttransformation zu unternehmen. Weil alle Interviews auf einen Bluttest hinauslaufen, muss er sich nicht nur eine neue Identität zulegen. Er braucht ganz wörtlich einen neuen Körper. Diesen erhält er von dem genetisch perfekten Menschen – Jerome Eugene Morrow – der, gerade weil er keine menschliche Versehrtheit kennt, lebensmüde sich vor ein Auto geworfen hat, und nun in einem Rollstuhl sitzt. Wie in Matrix findet eine leibliche Umstrukturierung des Körpers der Erlöserfigur statt, damit Vincet dem Datenbild Jeromes ähnelt: Die Brille muss durch Linsen ersetzt werden, die Zähne begradigt, er lernt eine andere Unterschrift, vorallem die Beine werden gebrochen und um etliche Zentimeter verlängert. Explizit spielt Niccols auf die Leidensgeschichte Christi an, denn am Ende dieses Prozesses sehen wir Vincent auf dem Rücken am Boden liegend, beide Beine in Schienen, beide Arme nach aussen gestreckt – für seinen Traum, die eigene Fehlbarkeit zu überwinden, das System zu überlisten, und doch in den Weltall zu kommen – gemartert.

So lässt sich der brisante Unterschied zwischen diesen beiden Filmerzählungen daran festmachen, dass in dieser Geschichte der Held praktisch von Anfang an eine Wahl getroffen hat, während zudem der Status des Schicksals ein anderer ist. Von seinem genetischen Schicksal – lässt man den Zufall weg – ist er von anfang an überzeugt. Er weiss, er ist ein in-valid, und seine Umwelt bestättigt ihm das täglich. Es geht also darum, in dieses vorgegebenene Narrative einzugreifen, dieses umzuschreiben. Darin besteht die Nähe zu Matrix. Nur ist dies der Anfang und nicht die anagnoresis des Films, wie auch Vincent seit dem Wettschwimmen mit seinem Bruder bereit ist, alle Risiken – auch den Tod – auf sich zu nehmen, dazu nicht erst aufgeweckt werden muss. Bei dem letzten Wettschwimmen der Brüder, in dem Vincent ein zweites Mal siegt, und somit dem zum Polizisten gewordenen Anton bewegt, ihn nicht zu verraten, erklärt er ihm, er hätte jeweils gewonnen, "because I never saved anything for the way back." Bei ihm geht es bei der Frage der Wahl um die Überwindung des frühzeitigen Todes, der ihm bei Geburt an Hand der Analyse seiner Genen vorausgesagt wurde, und deshalb lässt er sich immer wieder auf die Möglichkeit des Sterbens ein. Das ist gerade nicht, wovor er sich fürchtet, noch was ihn hemmt. Weil er immer bereits ist, alles zu riskieren, gewinnt er gegen sein Schicksal.

Deshalb lassen sich die von mir am anfang eingeführten theoretischen Denkfiguren durchaus auch auf Gattaca übertragen. Denn auch er hat keine freie Wahl. Auch er muss mit seiner Wahl den Bereich der Sterblichkeit treffen, nur weiss Vincent gerade um die Unausweichlichkeit seiner körperlichen Fehlbarkeit. Er hat von anfang an das dritte Kästchen gewählt, also ein Wissen um die Sterblichkeit, die seine Welt, indem sie Menschen wie ihn als in-valid deklarieren – vermeiden wollen. Die radikale Konsequenz seiner Annahme der Anrufung als in-valid, die er nicht umgehen kann, weil sie in seinem Blut eingeschrieben ist, bedeutet, einer anderen Anrufung zu folgen. Es geht also auch hier nicht darum, eine Lösung darin zu suchen, dass man sich jenseits symbolischer Anrufungen begibt, sondern mit diesen Anrufungen spielt. Wenn ich Ihnen im folgenden die Alltagsroutine zeige, mit der sich Vincent täglich zu Jerome – die zweite bristante Zweier-Figurierung im Film – macht, um auf dessen Identität zu passen, und somit die symblische Stelle in Gattaca einnehmen zu können, die seinem Alter-Ego, nicht aber ihm selber zugestanden wird, dann, um auf folgende Unterschiede zu Matrix hinzuweisen. Dies ist ein anderes Projekt der Hoffnung. Diese Erlöserfigur wird nicht von einem Anderen gewählt, sondern bennent sich selbst. Und sein Projekt hat individuelle Dimensionen. Nicht die Welt soll gerettet werden, sondern sein Traum nach freier Selbstbestimmung. Es geht zuerst um Selbsterlösung.

Alltagsroutine

Er wählt also – und zwar täglich, unter grossen Anstrengungen – einen symbolischen Tod, dem des in-valid Vincent, um als ein ganz neuer, nämlich ein hybrider Körper (de-generate) wiederzukehren: Die Identität eines validen, den Körper und Willen eines in-validen, der sein symbolisches und körperliches Schicksal unterläuft: "one of those who refuses to play the hand he is dealt." Auch hier haben wir es mit einer 'falschen Wahl' in dem Sinne zu tun, als seine Transformation eine symbolische Aneignung darstellt. Vincent antwortet auf eine Anrufung, nur ist es nicht die, die ihm im Blut eingeschrieben ist. Darin besteht das Einführen von Kontingenz, das ihn zur Erlöserfigur macht.

Denn auch in Gattaca geht es um Opferungen, und um die Macht der Hoffnung, die das Einführen von Risiken, Unfällen und Zufällen in ein totalitäres System, in dem alles vorprogramiert ist, bedeutet. Wie wir auch bei der Zahl drei bleiben. An Vincents Sieg, als erster in-valid einer Raumfahtrsmission anzughören, hängen die Träume von drei anderen Menschen. Zum einen Eugene, dem Mann, der Jerome seinen Namen, und seine Körperausscheidungen spendet. Litt er zuerst an seiner Vollkommenheit, und dann an seiner, durch seinen Unfall verursachten Hilflosigkeit, inspiriert Vincents Bereitschaft, alles aufs Spiel zu setzen bei ihm den Mut, den Freitod zu wählen. Teil der Pathosformel des Erhabenen, die in diesem Film die Stelle der Ironie einnimmt, ist es denn auch, dass diese Wahl des Todes mit einer Gabe des Lebens verknüpft wird. Bevor Eugene sich in den Verbrennungsofen hieft, um in genau dem Augenblick, in dem Vincents Raumschiff abhebt, in den Tod zu stürzen, füllt er die Eisschränke mit genügend Körperabfällen für mehr als ein 'geborgtes' Leben, und erklärt "I only leant you my body, you lent me your dream." Zweitens die Geliebte Irene, die, als sie begreift, dass er wie sie an einem Herzfehler leidet, von seinem Glauben angesteckt wird, es sei möglich, als fehlbarer Mensch die vorgeschriebenen Grenzen zu überwinden. Dafür bricht sie ihre Verpflichtung gegenüber Gattaca, und verschweigt ihren Vorgesetzten die wahre Identität dieses Mitarbeiters. Seine Erlösung hat mit dem Recht auf Träume zu tun, weil sein Gelingen die Möglichkeit des Unfalls und des Zufalls – chance – wieder einführt. Er steht für eine individuelle Handlungsfähigkeit, dafür, dass Dinge anders kommen könnten als vorausgesagt. In Gattaca gibt es also kein alternatives Erklärungsmodell des Schicksals, in dem alle sich in einem performative Glaubensbekenntnis vereinigen. Stattdessen'erlöst' Vincent diejenigen, die in seinen Betrug eingeweiht sind, indem er an seinem Körper den Traum der anderen verhandeln lässt. Er erlöst sie zur Menschlichkeit – zur Fehlbarkeit als die Wahrheit des Menschen.

So auch den Arzt, bei dem eine letzte Urinprobe stattfindet, auf die Jerome nicht vorbereitet ist. Wie wir in der Abschlusssequenz sehen wusste er immer, dass Jerome sich verstellt hat. Dem Orakel in Matrix vergleichbar fungiert er jedoch wie ein Kontingenzknoten im Gattaca-System. Denn er hat einen Sohn, dem die menschiche Fehlbarkeit in den Körper geschrieben ist, der aber auch in den Luftraum will, und für den Vincent ein Vorbild ist. Dieser Arzt bewirkt jene Störung im System, die seinem eigenen Wunsch entspricht, und die Erlöserrolle Vincents verdeutlicht. Auf der individuellen Ebene bedeutet sein Gelingen, dass die Zukunft anderere eine offene ist. Nicht um totalitäre Veränderung – oder Störung – geht es hier, sondern um eine partikulare. Diese könnte aber enorme Folgen haben. Es hängt von den einzelnen Menschen – nicht den Maschinen – ab. Auch für Vincent stellt diese Szene eine letze Wahl dar, und er tut, was er immer getan hat: er nimmt das Risiko auf sich, und zwar in der Geste dessen, der sein Scheitern immer mitkalkuliert, und gerade weil er von seiner eigenen Fehlbarkeit ausgeht, nicht scheitern kann. Das ist eine andere Tautologie als das performative Glaubensbekenntnis in Matrix. Vincent kann nicht anders wählen, nicht aber, weil er ein fremdbestimmtes Schicksal wählen muss, sondern weil er auf sein individuelles Begehren besteht. Diese Insistenz ist die einzige genetische Prägung, die er für sich annimmt. Somit ist er natürlich dem tragischen Helden viel näher als einer mythischen Erlöserfigur, und um diese Hybridisierung der Gattung, oder der affektiven Tönung geht es mir bei der Abschlusssequenz.

Abschlussszene

Der Systemfehler geht von einem einzelnen Menschen aus. Der Arzt lässt ihn durchgehen, wechselt das invalid in ein valid Zeichen. 'Entweder-oder' hat sich aufgelöst in 'sowie als auch.' Diese Anrufung nimmt Vincent an. Mit einer 180° Drehung wendet er sich dem Arzt nochmals zu. Eine Allianz der Sympathie hat sich auch mit ihm gebildet. Unser Held fliegt wie Neo aus dem Bildrahmen. Dabei findet sich jedoch keine Trübung des Bildes, die auf Ironie hinweisen würde, um einen Glauben an das Wunder der Liebe entgegenzusteuern. Sondern der Ausweg wird als Pathosformel des Erhaben verhandelt, als Ausdruck für ein menschliches Streben, sich gegen alle einschränkenden Gesetze – seien sie symbolisch oder die der Schwerkraft Art – hinwegzusetzen. Der Himmel wird dunkel. Man fährt ins Ungewisse. Oder vielleicht nach Hause. Man weiss es nicht.


© Elisabeth Bronfen 2002