Writing‎ > ‎Writing 2002‎ > ‎

Unsentimental, aber mit einem starken Hang ins Mythische

Es ist durchaus verständlich warum David Denby im New Yorker von Wiedergutmachung spricht, um Black Hawk Down als Inszenierung eines noblen Scheiterns zu loben, auf den die U.S.A. stolz sein können. Denn Ridley Scott und sein Produzent Jerry Bruckheimer übersetzen den gescheiterten Einsatz der U.S. Army Rangers und der Delta Force, dessen Ziel es war, 1993 mehrere hochrangige Offiziere des somalischen warlords Mohamed Farrah Aidid festzunehmen, in eine Geschichte der unverbrüchlichen Kameradschaft unter amerikanischen Elitesoldaten. Die achtzehn Tote, so dass Argument ihrer Verfilmung von Mark Bowdens bestseller, seien nicht als Zeichen amerikanischer Schwäche zu verstehen. Sie ergaben sich stattdessen daher, weil Soldaten, die hätten fliehen können, in der Stadt blieben, um ihre Kumpel zu retten, während sie von allen Seiten von den stark bewaffneten Anhängern Aidids angegriffen wurden. Weil ein Soldat zufällig aus einem Helikopter fällt, füllt sein Vorgesetzter sich verpflichtet, ihm zu helfen, anstatt sich an den abgemachten Ablauf des Einsatzes zu halten, und weil die Piloten dieses black hawks sich entschliessen nicht sofort abfliegen, sondern den Verletzten zu bergen, werden sie abgeschossen. Die anfänglich erfolgreiche Mission schlägt um in eine Rettungsaktion, in Folge derer ein weiterer black hawk abstürzt, und die Verwundeten und Toten erst viele Stunden später mit Hilfe von U.N. Bodentruppen in Sicherheit gebracht werden können. So wird in Black Hawk Down aus einem Debakel eine Geschichte der Loyalität. Um diese humanistische Botschaft zu unterstreichen, wirbt der Film auch mit der tagline, 'leave no man behind.'

Doch damit wird gerade jenes Ereignis ausgeblendet, an dass man sich, wenn überhaupt, erinnert, nämlich die Nachrichtenbilder der Leichen amerikanischer Soldaten, die nackt durch die Strassen Mogadischus geschleift wurden. Der Film zeigt zwar, wie die Anhänger Aidids beginnen, einem toten Soldaten die Kleider auszuziehen, belässt es jedoch bei diesem archaisch wirkenden Raub. Man kann nur mutmassen: Wenn Black Hawk Down überschwenglichst die Bergung amerikanischer Soldaten zelebriert, so deshalb, weil für das eigentliche Trauma eine Entlastungsgeschichte hergestellt werden soll. Maj. Gen. Garrisons (Sam Shepard) Versicherung an seine Männer, niemand würde zurück gelassen werden, hat eine beruhigende Wirkung, weil wir dies sofort als Geste der Reparatur jener Unentschlossenheit der amerikanischen Aussenpolitik annehmen, die darin mündete, dass Präsident Bill Clinton sechs Monate später sämtliche U.S. Truppen aus Somalien zurückzog: Zwei Amerikaner wurden zurück gelassen, und nur weil die Filmschaffenden dieses Wissen mit dem Publikum teilen, kann der Versuch, dieser psychisch wie politisch kränkenden Niederlage eine heroische Geste der Rettung entgegenzuhalten gelingen. Der Absturz der scheinbar unbesiegbaren black hawks kann eine erhabenen Inszenierung erfahren, die geschändeten Leichen hingegen wären als Filmbild unerträglich. Ridley Scott hat erklärt, als er die ersten Fernsehübertragungen aus Mogadischu gesehen habe, hätte er sofort erkannte, dass es "ein gewaltiger Schock für das ganze System sein musste, wenn man diesen Bildern auf dem Bildschirm zu Hause ausgesetzt war."

Indem er somit zugibt, dass der Anblick geschändeter amerikanischer Soldatenleichen die Urszene seiner Faszination dieser Mission war, gleichzeitig aber auch darauf beharrt, diese Darstellung müsse, zum Schutz der Überlebenden, zensiert werden, kommt eine kuriose Frage des Anstands ins Spiel. Diese lohnt sich nicht nur deshalb zu hinterfragen, weil Ridley Scott von Black Hawk Down behauptet, es sei eine 'authentische Darstellung' der Schlacht von Mogadischu. Denkt man an die Art, wie ein ungeschützter Blick auf die Toten des 11. Septembers, nämlich auf die am Fuss des WTCs zerschmetterten Menschenkörper nicht nur nicht gezeigt, sondern in kürzester Zeit übersetzt wurden in Geschichten, die um Hilfsbereitschaft und Mut angesichts des Todes kreisten, könnte man eine entsprechend ambivalente Haltung der Verneinung erkennen. Traumatische Verletzungen der amerikanischen Nation müssen verarbeitet werden, weil sie aus der Erinnerung nicht verbannt werden können. Doch sie können momentan nur in alttradierte Pathosformeln des Heroismus übersetzt dargeboten werden: In eine visuell und klanglich brillant inszenierte Symphonie von Schüssen und Explosionen, die immer wieder in Nahaufnahmen von schmerzergriffenen, verwundeten und zerstümmelten Soldatenkörpern mündet, während auf der Tonspur der Militärjargon zu hören ist, der in der Sprache des Berichts und des Befehls die Reduktion der Handlungsmöglichkeit untermalt. Die Kommunikation zwischen den im Kommandozentrum betroffen auf die Fernsehübertragungen des Desasters blickenden Befehlshabern, und den sich im Wirrwarr der Schlacht befindenden Männer läuft auf ganz einfache Formeln hinaus: An den designierten Treffpunkt gelangen, sich auf dem Weg hin dort vor den Feinden verstecken, diese vernichten oder von diesen selbst getroffen werden.

Doch der Wunsch, auf alle Konventionen des Unterhaltungskinos zu verzichten, um Sentimentalität zu vermeiden, führt Ridley Scott dazu, das Kriegsereignis ins Mythische zu überführen. In der Anfangssequenz erhalten die hageren Somalis, die ihre Toten begraben, eine von jeglicher historischer Spezifität entleerte Färbung. Sie sind zeitlose und ortlose allegorische Figuren der Trauer und der Entbehrung. Ähnlich verklärt wirkt auch die Rückkehr der kleinen Truppe amerikanischer Überlebender, die von Kindern freudig begrüsst werden, deren von Hunger gezeichnete Gesichter uns aus zahlreichen Berichterstattungen über die Not Afrikas bekannt sind. Passend dazu werden im Abspann die Namen der 18 getöteten U.S. Soldaten aufgeführt. Die Toten der Gegenseite, die der Film auf 1000 aufrundet, bleiben hingegen namenlos, um nochmals sowohl die biblische Dimension eines gesichtslosen Leides, wie auch die Pathosformel des Heldenhaften hervorzuheben. Diejenigen, die für ihre Kumpanen sterben, sind zählbar und, in den Pantheon der Kino-Helden aller Zeiten eingegangen, als Namen erinnerbar. Obgleich Ridley Scott den Film vor dem 11. September fertig gedreht hatte, passt diese Neigung zum universalisierenden Mythos erstaunlich gut in die aktuelle Stimmung. Die austauschbaren Helden eines Kriegsschauplatzes, in dem das Desaster amerikanischer Fehleinschätzung als humanitäre Rettungsaktion erscheint, unterhalten uns gerade im Kino, weil wir im Alltag die Konsequenzen dieses gescheiterten Einsatzes nicht ausblenden können. Im Bereich des mythisch Erhabenen angelangt ist Black Hawk Down am weitesten von der angestrebten Kriegsdokumentation entfernt, wie es ein überhaupt nur möglich ist, aber gerade deshalb emotional so effektiv. Wie sinnlos jede Schlacht eigentlich ist, weil sich hier alles schlussendlich auf die Zufälligkeit des Todes reduziert, das ist eine Botschaft, die zwar zeitgemäss wäre, aber weder erbauend noch entlastend.


© Elisabeth Bronfen 2002