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Der Schlaf der Sicherheit gebiert Ungeheuer

Der Reiz von Mythen - so die bestechende These des Anthropologen Claude Lévi-Strauss - liegt darin, dass auf der Ebene einer verallgemeinernden Erzählung Konflikte in kohärente Erklärungen umgesetzt werden können, die im sozialen Alltag unlösbar bleiben müssen. In den vergangenen Wochen wurde nichts deutlicher als die weltanschaulichen Differenzen, die die USA spalten. So stellt sich die Frage, welche Art Mythen bei der Wiederwahl George W. Bushs am vergangenen Mittwoch am Werk waren. Denn ein Blick auf die Landkarte macht jenen Riss augenscheinlich, der durch Amerika verläuft: Die Küstenstaaten und jene die - mit der Ausnahme von Ohio - die östliche Grenze zu Kanada bilden, stellen einen blauen Block dar, der Rest eine rote Masse. Es kann einen nur Wunder nehmen, ob die Einwohner von Washington D. C., die zu 90 Prozent für Kerry stimmten, mit denen in Utah, die die höchste Stimmzahl für Bush abgaben, noch irgend etwas gemein haben. Was verbindet die Einwohner der Ost- und Westküste, für die das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung nicht verhandelbar ist, mit jenen im Herzen des Landes, die sich erfolgreich für ein staatliches Verbot von homosexuellen Ehen eingesetzt haben? Ein Teil der Wähler lehnen John F. Kerry wegen seiner geschliffenen und nuancierten Ausdrucksweise ab, der andere nimmt daran Anstoss, dass George W. Bush wie ein verdriessliches Kind jede öffentliche Rechtfertigung als Zumutung versteht? Haben wir es mit parallelen Universen zu tun?

Eines hingegen hatte die gespaltene Öffentlichkeit gemein: Ein gegenseitiges Mistrauen. Keine Wahlkampanie der letzten Jahrzehnte hat derartig mit unbegründeten Vorwürfen und Angst schürenden Vorurteilen operiert. Vermuteten Republikaner an jeder Ecke Wahlbetrug und einen Zerfall von Sitten, warnten die Demokraten vor Einschüchterungen bei den Wahlen und einer plutokratischen Aushöhlung der Demokratie. Doch der brisanteste Widerspruch betraf jenes Wort, was von vielen Bushwählern als ausschlaggebend für ihre Entscheidung genannt wurde: Sicherheit. Die Umfragen haben ergeben, dass für 85% der republikanischen Wähler Terrorismus der wichtigste Streitpunkt war, während ihre Gegner zu 80% die Wirtschaft angaben. So muss die demokratische Partei tatsächlich eine Erklärung dafür finden, warum gerade jene Bauern, Fabrikarbeiter und Angestellten im heartland, die von ihrer Politik profitieren würden, lieber einen Präsidenten wiederwählen, dessen Steuerreform den Billionären des Landes zu gute kommt.

Es ging aber nicht um reale Fakten, sondern um ein Bild von Amerika als Ort der Geborgenheit und Gewissheit. Denn Vorschläge für konkrete soziale Schutzmassnahmen - Sicherheit des Arbeitsplatzes, Krankenversicherung, Sicherstellung von Ausbildung und Schutz vor Kriminalität - zeichneten gerade das Program des Verlierers. Von den Medien wurde zudem nie verschwiegen, dass es heute weniger Arbeitsplätze in den USA gibt als beim ersten Amtsantritt George W. Bush; dass die Staatsschulden wachsen während der Dollar sinkt. Doch das Recht auf Wohlstand, das die Verfassung jedem US-Bürger verspricht, wurde vom allgegenwärtigen Gespenst des war on terror übertönt: Einem Streitpunkt, dessen Kraft zu vereinigen darin liegt, das er konkrete Probleme in eine übergreifende, nebulöse Gefahr übersetzt. Entgegen allem Wissen darüber wie wenig sorglos und geborgen der eigentliche amerikanische Alltag ist, bietet der Glaube daran, der Präsident könne ein safe America garantieren, einen verführerischen imaginären Schutz. Komisch dass in den Städten, die tatsächlich am 11. September 2001 von Terrorangriffen getroffen worden waren, dieses Fantom nicht richtig greifen wollte. Der Mythos braucht eben die geographische Distanz von den Spuren realen Leids.

Wie sehr eine Bedrohung von Aussen als gesellschaftlicher Kitt eingesetzt werden kann, hat vielleicht niemand so überzeugend gezeigt wie der britische Meister des Horrorfilms Alfred Hitchcock. Mitten im Kalten Krieg führten Die Vögel den amerikansichen Bürgern die vereinigende Kraft eines massenhysterischen Sicherheitswahns vor. Die Bewohner eines kalifornischen Dorfes brauchen die fantomartigen Angreifer, beschwören sie regelrecht herauf. Denn die selbstbewusste Melanie Daniels (Tippi Hedren) stellt mit ihrem urbanen Chic eine konkrete Beunruhigung der örtlichen Sitten dar. Nicht eine Klärung warum dieses Dorf scheinbar zufällig zum Ziel dieses Übergriffs wurde steht auf dem Spiel, sondern der Umstand, dass der gemeinsame Verteidigungskampf die Aussenseiterin psychisch und physisch zurecht stützt. Am Ende siegen die moralischen Werte des heartlands. Die Toten und Verletzten, die dieser Sieg gekostet hat, nennt man heute kühl Kollateralschäden.

Doch was anfangs der 60er Jahre im Hollywood Kino ironisch verhandelt werden konnte ist heute bitterer ernst. Die Antwort demokratischer Bürger auf Bushs geschicktem Einsatz von Sicherheit als Wahlthema waren Verschwörungstheorien. Mit seinem Manchurian Candidate hatte John Frankenheimer ein Jahr vor Hitchcocks Thriller die anti-kommunistischen Alptraumszenarien einer roten Gefahr aufs Korn genommen. Als Gefährdung der nationalen Sicherheit entlarvt er eine machthungrige Senatorengattin, die ihren Sohn einer Gehirnwäsche unterzieht, damit er zum Attentäter wird. Das Remake von Jonathan Demme, das den mitfühlenden Konservatismus der ersten Bush Wahlkampanie explizit anzitiert, erzählt hingegen von jener Reichtumskonzentration, die der Demokratie deshalb schadet weil sie den Einfluss nicht gewählter Herrscher vergrössert. Die von Meryl Streep gespielte Senatorin ist deshalb beunruhigend, weil sie erfolgreich die Ehe zwischen Geldadel und Politik bewerkstelligt. So wurde der zweite Manchurian Candidate im Herbst nicht als parodistische Überspitzung, sondern als liberale Analyse plutokratischer Allianzen verstanden, etwa der zwischen Vize-Präsident Cheney und Haliburton. Im demokratischen Lager will man an eine totalitäre Gefahr von Rechts glauben: An die Möglichkeit, dass in Zukunft Wahlen nur noch scheinbar durchgeführt und die Medien gleichgeschalten werden; dass Bürgerrechte grundsätzlich beschnitten und öffentliche Gelder weitgehend gestrichen werden. In dieser mythischen Erklärung geht die innere Sicherheit auf Kosten der persönlichen.

Die mentale Landkarte, die die republikanische Seite entworfen hat, stellt ihrerseits die Nation weniger als city on the hill dar. Ihr neues Jerusalem entspricht eher einer Festung mit Stadtgraben. Die braucht ein so komplexes Überwachungssystem, dass es den inneren Feind vom äusseren nicht immer unterscheiden kann. Senator Edward Kennedy wurde in den letzten Monaten wiederholt daran gehindert, ein Flugzeug zu besteigen, weil sein Name als der eines Terror-Verdächtigen im System auftauchte. George W. Bush hatte stur auf einer einfachen Formel bestanden: Wir müssen die Terroristen Draussen töten, damit wir sie nicht bei uns daheim umbringen müssen. Das Draussen wird zum Ort, an dem Terroristen sich befinden deklariert, damit man daran glauben kann das Zuhause wäre von Terror frei. Das ist die Logik der Prärie. Der kuriose Widerspruch, dass der einst sekulare Irak erst durch die Amerikanische Invasion zum Fluchtort anti-amerikanischer Terroristen wurde, gehört in den Bereich jener Fakten, die eine mythische Erzählungen von Sicherheit auszublenden sucht. Diese macht sich lieber an einem Fantom fest, gegen das man vereint kämpfen kann, um so den Glauben zu zementieren, man sei vereint. Wieder heissen die realen Toten auf allen Seiten Kollateralschäden. Die Stärke Amerikas - da waren sich Bush und Kerry einig - liegt in ihrer Fähigkeit zu grossen Träumen. Leicht lässt sich jedoch Goyas Warnung vor Anbruch eines früheren Regime des Terrors umformulieren: Der Schlaf der Sicherheit gebiert Ungeheuer.

InTages-Anzeiger, 8. November 2004, Kultur, S. 41, «Aus Hollywoodkino wurde bitterer Ernst»